"Enuma elisch" wurde oft als Vermächtnis der russischen Jahrhundertpoetin Anna Achmatowa angesprochen. Weder die Nationalbibliothek noch die Wiener Universität führt dieses episch-lyrisch-dramatische Avantgarde-Dokument im Inventar, nicht russisch und nicht in der Übersetzung Alexander Nitzbergs. Den Titel für ihr Funkelspiel mit eigener Mythologie lieh sich die Dichterin vom assyrischen Weltschöpfungsmythos, deutsch unter "Als droben ..." katalogisiert. Sie schrieb das Poem 1942/43 in Taschkent, wohin sie evakuiert war. Zurück im befreiten Leningrad soll sie es 1944 verbrannt haben. Kurz vor ihrem Tod 1966 begann sie mit einer Rekonstruktion. Wurde sie damit fertig? Sie muss gewusst haben: Jede szenische Umsetzung erlaubt nicht mehr als eine Annäherung. Als Lesestück erlaubt es jedem, es mit eigenen szenischen Phantasien auszufüllen.

Erwin Piplits, sein Koregisseur Mario Mattiazzo und das multinationale Serapions-Ensemble – man müsste allen 18 Darstellenden Rosen streuen - haben es im "Odeon" gewagt. Unter dem nicht mitreißenden, doch redlichen Titel "... Am Abend der Avantgarde." Die Achmatowa hatte den anfangs von den Sowjets beflügelten Aufbruch in die Moderne schon fünfzig Jahre hinter sich. Ihre Sprache indes ist nicht gealtert, sie behielt ihre monumentale Kraft. Eine namenlose "X" diktiert Verse einem Adler, des Heiligen Russlands Wappentier: "Kein Kieselstein hat je mit mir gespielt. / Soweit ich denken kann, war ich mir immer / ein riesiges, gewaltiges Ereignis, / ein Traum, ein Widerschein von Unbekannten / oder ein nächtlich dumpfes Höhlenecho."

Die Dichterin zieht ihre Lebensspur durch ein Wechselspiel von weltentrückender Poesie, stolzem Kunstkult, Fiebertraumphantasie, Verfolgungsklage und endlich kunstentzaubernd-satirischen Abrechnungen mit Stalins Femegerichten, systemkonformen Kollegen und betriebseifrigen, doch saudummen Literaturwissenschaftlern. Ihre Figur ist gleich doppelt gespiegelt, sie leidet unter Verfolgung, verfällt ins Delirium, bäumt sich immer wieder auf, stirbt aber dreifach. Alter Ego Nr. drei ist verschleiert und spricht ein Leidensrussisch.

Zur Einstimmung in die Serapionten-Transrealtität ein Ball wie in vielen Piplits-Kreationen seit vierzig Jahren. Auf einer Bildkollage ein Memento an die unter Stalin als "Formalisten" verfolgten Kunstpioniere Rodtschenko, Larionow, Gontscharowa etc. Mit Gesichtern wie vom späten Malewitsch maskiert treten plötzlich Ballgäste aus dieser Wand hervor und beginnen zu tanzen. Zu Anfang, sagt die Slawistik, habe die Achmatowa ein Ballettszenario im Sinn gehabt. Marcelo Cardoso Gama und Julio C. Manfugas Foster begleiten mit ihren Musiken aus vielen Quellen die Sprechtexte, Pantomimen, die Windspiele mit wallenden Stoff- und Folienbahnen. Bach ist herauszuhören, Schubert, Märchenhaft-Orientalisches, Russisches.

Seelendouble und Doppelgängerin nennt Piplits die Spiegelerscheinungen der Dichterin. Alle drei rufen sich Männer aus ihrem Leben herbei – die heißen Blinder Schatten, Jemand oder einfach Er. Einer ist ein Adler, begleitet von Raben. "Der Allerdickste" karikiert Stalins Menschenschinder Schdanow. Auch "Ein Gast aus der Zukunft" erweist sich als Todesbote. Denn alle Kunst sei dem Tod abgerungen, tut die Dichterin an ihrem Lebensabend kund.

Strahlend tritt eine solche, nachdem die Zensur ihr Stück genehmigt hat, auf die Bühne. Nicht nur "Traum im Traum" (ein zweiter von der Achmatowa probierter Titel), sondern auch – in der Buffo-Tradition von Meyerhold und Majakowski – Theater auf dem Theater wird gespielt. Ein hübscher Einfall: Zwei Bühnenarbeiter, die Vorhänge ziehen und Leichen wegschaffen, reden schweren Wiener Dialekt. Wie Shakespeare-Komödianten.

Das Serapionstheater ist berühmt für sein Spiel ohne Worte in der Kategorie Literarische Kostümpantomime. Von den phantastischen Gewändern mögen viele noch von der 2014 verstorbenen Ulrike Kaufmann, mit der sich Meister Piplits Bühne und Leben teilte, stammen. Auch der Bewegungsdynamo ist der alte. Dazugekommen ist das Wort. Nicht jeder spricht, wie der Blinde, scharf wie Klaus Kinski. Manche Zungen fremder Muttersprache tun sich schwerer. Der brillanten Härte des Worts setzt sich nur der Leser aus.

Eine längere Prosa-Passage ("Das Manuskript aus der Flaschenpost") wird als Bahnfahrt vorgeführt. Vor den Waggonfenstern (Bild: Max Kaufmann) zieht eine kriegsbeschädigte Landschaft vorüber. Ein Kabinettstück, neben dem Museumsinstallationen verblassen. Monologe und Durcheinanderreden. Eine vorerst sozialrealistische Gesellschaft gebiert immer mehr bizarren Figuren, sogar einen Harlekin und eine pirouettendrehende Columbina. Im Abgesang kommt noch einmal der Ballsaal zurück. Doch nicht mehr bunt. Dann ziehen die Figuren ab, stumm, gebeugt. Das Ziel, von Piplits angedeutet: Sibirien, Verbannung.