Ein elektrisches Invalidengefährt de luxe für Branko Samarovski. Sein maienblumenumkränztes bärtiges Bacchusgesicht trotzt einem überweiten Bäuerinnen-Hauskleid. Scheinbar in Rollstühlen auch Tino Hillebrand und Laurence Rupp, die Köpfe lebensecht, doch mit ausgestopften Körperchen puppenmäßig verzwergt. Alle drei im Vestibül des Burgtheaters von Ellen Hofmann Alpen-dodelig kostümiert à la Manfred Deix.

Auch der großgewachsene Marcus Kiepe ist dem Schemabuch der parteipolitischen Karikatur entliehen: schwarz die Kniestrümpfe und Sporthose, gelb das Uniformhemd, schwarz das glattfrisierte Haar. Kiepe zieht mit schmerzverzerrtem Gesicht am Gestänge einer Gehhilfe seine Kreise. Nach jeder Runde lässt er sich zu Boden fallen und krampft sich ein wie ein zuzelndes Baby. Beim Aufstehen brüllt er wie ein Nahkämpfer im Ausfallschritt. Endlich beginnt er zu sprechen - Endzeitprophezeiungen, Brandstifterdrohungen.

Als Mulde, Furche, Ritze bezeichnet die junge Wienerin (mit slowakischen Wurzeln) Miroslava Svolikova den Ort ihres Sprechtexts "die hockenden". Sie gewann damit den Retzhofer Dramapreis 2015. Doch die ebenfalls junge katalanische Regieinternationale Alia Luque verwurstet den Topos konkret: Jeder Fluchtversuch aus dieser rot-weiß-roten Geosynklinale muss scheitern. Wie Erde und Moder klebt die Provinz an den Bewohnern. Keine Perspektive, alle Hoffnung trügt. Der Bus, von dem die Rede ist, fährt nicht zu Stadt hinaus, sondern im Kreis.

Eher wehleidig als kämpferisch

Rollstuhl und Krüppel sind altes Thomas-Bernhard-Drameninventar. An den Dichter erinnern auch die sich wiederholenden Behauptungssätze, naturgemäß zur eigenen und zur allgemeinen Befindlichkeit. Bisweilen jandelt der Text. Auch Handke und Jelinek mit ihrem permutativen Nach-Sprache-Tasten grüßen. Svolikovas Wortkunst klingt wie aus der Mitte der österreichischen Literatur der 60er, 70er Jahre - nach Second Hand.

Den halben Programmfolder füllt die Reportage "Steffi Sargnagel auf dem FPÖ-Oktoberfest" aus 2014. Dem eher wehleidigen als kämpferischen Text ist von der Regie das Österreich-Klischee als Naziland aufgedoppelt. Auch Österreich, wie es im Ausland wahrgenommen wird, steht im Puppenformat stramm: Sissi, Conchita, Hitler, Niki Lauda, Schwarzenegger, sogar der Meinl-Mohr. Der erste Wortschwall dröhnt aus einem Lautsprecher, schnarrend moduliert wie Hitlers Volksempfänger. Eine Unverbindlichkeits-Ouvertüre: "Gesprochen wird viel, aber gesagt wird nichts. Was denn auch. Was gibt es zu sagen. Gibt ja nichts zu sagen. Im Grunde gibt es nichts zu sagen. Es gibt im Grunde nichts zu sagen, wenn man es sich recht überlegt. Im Grunde gibt es nichts zu sagen, aber gesprochen wird viel."

Ein Text zum Vergessen, unterlegt mit säuselnden Schubert-Tastentönen. Auch mit seinen Schwächen manifestiert er das Unbehagen junger Kreativer im Land.

Aus den deprimierenden fünf Viertelstunden wollte man flüchten - böten nicht die Kindsköpfe in den Rollstühlen ein hinreißendes Mienentheater. Alia Luque ließ Hillebrand unterm Strohhäubchen und Rupp unterm Tirolerhütchen breiten Raum für Improvisation und Lazzi. Die bannen den Blick. Während das Ohr ungeduldig wird.