Apropos Publikumszuspruch: Wie es heißt, nimmt die Regie von Tatjana Gürbaca auch auf die Entstehung der Oper Bezug - auf Strauss’ Weltflucht in eine L’art-pour-l’art-Zone, während Nazi-Deutschland den Krieg verlor. Könnte das Publikum darauf zornig reagieren? De Billy: "Ob eine Regie auch ein paar Buhrufe ernten könnte, darüber denken wir hier am Theater an der Wien nicht nach. Ich kann nur sagen, dass die Zusammenarbeit mit Gürbaca wundervoll ist. Wir waren uns schon vor einem Jahr über das Stück einig, auch darüber übrigens, dass es nicht in der NS-Zeit spielen würde; es wird kein Nazi auf die Bühne kommen."

Apropos Bühne: Wie geht es de Billy mit der Wiener Staatsoper? Vor zwei Jahren hatte er sich mit Direktor Dominique Meyer überworfen. Stein des Anstoßes war ein Strich in der "Lohengrin"-Premiere: De Billy legte die Produktion deshalb kurzfristig zurück, Meyer verweigerte ihm daraufhin für die Zukunft Premieren - woraufhin de Billy alle Repertoire-Abende am Haus absagte. Er wolle hier erst wieder nach einem Direktionswechsel den Taktstock heben, hieß es damals. Wie steht er heute dazu? De Billy, seither seltener in Wien, will sich nicht äußern.

Begehrter Kämpfer


Umso lieber spricht er über das Theater an der Wien, mit dem ihn eine langfristige Zusammenarbeit verbindet. "Bei Intendant Roland Geyer habe ich den Luxus, mir Projekte aussuchen zu können. Und wir haben mit ‚Mathis der Maler‘ bewiesen, dass man hier auch große Oper machen kann."

In Wien kennt man de Billy aber vor allem für ein anderes Verdienst: Acht Jahre, von 2002 bis 2010, stand er dem Radio-Symphonieorchester (RSO) Wien vor, und es war nicht zuletzt dem Pariser zu verdanken, dass das Ensemble vor der Einsparung gerettet wurde. Ein neues ORF-Gesetz brachte schließlich die Lebensrettung. Noch heute mahnt de Billy zur Achtsamkeit: "Man muss immer wachsam bleiben. Jeder Wechsel in der ORF-Direktion ist gefährlich." Dachte er in seiner RSO-Zeit wirklich, das Orchester könnte verschwinden? "Welche Frage? Es war ja praktisch schon so weit. Diese acht Jahre waren wunderschön, aber auch hart; der Kampf hat mich viele Nerven gekostet. Darum wollte ich nachher auch nicht gleich wieder eine Chefposition."

Noch heute ist de Billy freischaffend tätig, manches Angebot hat er ausgeschlagen. Ein Haus etwa begehrte ihn dezidiert wegen seiner Kämpferqualitäten: "Sie wollten, dass ich für sie das Gleiche mache wie für das RSO." Aber: "Irgendwann fragt man sich: Bin ich wirklich Musiker geworden, nur um zu kämpfen? Beim RSO musste es sein. Aber danach wollte ich wieder mehr Musik machen." Wobei: "Vielleicht", sagt der Pendler zwischen New York, München und Paris, "kommt irgendwann wieder die Zeit, die Koffer abzustellen. Aber dafür muss sich die richtige Gelegenheit ergeben."