Ein paar Repertoire-Vorstellungen zum Einstieg, dann vielleicht eine Wiederaufnahme oder Neueinstudierung. Danach - quasi als Ernte für all diese erfolgreichen Stationen - eine Premieren-Produktion. Die Krönung als Operndirigent. Das ist zumindest der klassische Weg, den angehende Pultstars an großen Häusern wie der Wiener Staatsoper gehen. Oder besser gesagt, gegangen sind. Heute ist ein Debüt am Haus am Ring keine reine Frage der Erfahrung mehr, sondern auch des Marktwertes.

Der 1981 in Venezuela geborene Gustavo Dudamel steht kommenden Donnerstag erstmals am Pult des Wiener Staatsopernorchesters - bei der Premiere einer Neuproduktion von Puccinis "Turandot". Als er vor fünf Jahren mit Direktor Dominique Meyer über ein mögliches Debüt sprach, war es Dudamel selbst, der die letzte, unvollendete Oper Puccinis vorschlug. Meyer war begeistert. Dass Dudamels Karriere steiler und vor allem unkonventioneller verläuft als die so mancher Kollegen, das zeigt sich auch in der Tatsache, dass er 2017 der jüngste Dirigent gewesen sein wird, der das Neujahrskonzert dirigiert hat.

Die eigene Geschwindigkeit ist auch für Dudamel ein Thema. Zu dirigieren begonnen hat er im Alter von elf Jahren. Und hat seither nie damit aufgehört. Die (Musik-)
Welt erobert hat er sich zunächst mit dem venezolanischen Jugendmusikprojekt El Sistema, dessen Musikdirektor er im Alter von 18 Jahren wurde. Nach Gastspielen in Europa und den USA debütierte er mit Mitte zwanzig bei den philharmonischen Orchestern von Los Angeles bis Wien. Ein Klassik-Shootingstar war geboren. Ein rauschhafter Aufstieg, der Dudamel innehalten ließ: "Ich musste lernen, meine eigene Zeit zu beschützen. Als ich jung war, wollte ich die ganze Welt auffressen, alles in mich schlingen - vor lauter jugendlicher Begeisterung. Und am liebsten an vier Orten gleichzeitig dirigieren. Das ist heute anders. Auch wenn das, was ich jetzt mache, nach viel aussieht, ist es schon viel weniger als früher."

Fußball und Partitur

Eine künstlerische Heimat hat Dudamel seit 2009 in Los Angeles gefunden, sein Vertrag als Musikdirektor des dortigen Philharmonic Orchestra wurde gerade bis 2022 verlängert. Auch seine Frau und sein kleiner Sohn leben dort. Da geht sich zwischen Proben und Konzert mitunter ein Vater-Sohn-Fußball-Spiel aus.

Bei der Wahl seiner szenischen Opernprojekte lässt sich der Dirigent Zeit: "Ich bin sehr wählerisch mit den Stücken, die ich angehe. Oper ist keine Routine-Arbeit für mich. Wenn ich ein Stück mache, nehme ich mir Zeit. Ich habe keinen Stress, tausende Opern in einer Saison zu machen - ich mache eine und genieße sie." Mit der Leitung von Bernsteins "West Side Story" bei den Salzburger Festspielen zu Pfingsten ist Dudamels diesjähriges Opern-Soll quasi schon überfüllt.

Für die Produktion in Wien hat sich der Venezolaner einen Monat Zeit genommen, immer wieder übergibt er den Taktstock, wandert durch das Haus, setzt sich in die letzte Reihe, in den letzten Rang, um ein Gefühl für den Raum zu bekommen, die Balance des teils "massiven Klangs der Partitur" zu verfeinern. Der Musik dabei mit staunenden Kinderaugen zu begegnen, das Musizieren auszukosten und zu genießen - diesen neugierigen Zugang möchte sich Dudamel erhalten.

Um die Zukunft der klassischen Musik, um das Aussterben des Publikums macht sich Dudamel keine Sorgen. Nicht nur, weil er mitunter in der Disco vor lauter Fotoanfragen junger Menschen nicht mehr zum Tanzen kommt. Er untermauert seine Hoffnung mit einer ungewöhnlichen Analogie: "Als kleines Kind mag man vielleicht kein Gemüse, als Erwachsener schon - mit der klassischen Musik ist es das Gleiche. Lass die jungen Leute ihre Hamburger und Pommes essen. Wir warten einfach, bis sie zum Gemüse kommen. Wir werden da sein, die Musik wird da sein."

In jedem Falle freut sich Gustavo Dudamel, nun gewissermaßen in die Fußstapfen eines Hollywoodstars treten zu können, hatte Tom Cruise doch 2014 "Mission: Impossible 5" an der Staatsoper gedreht - mit einer "Turandot"-Produktion auf der Bühne: "Jetzt bin ich hier der Tom Cruise! Aber es ist eine Mission Possible."