Nikolaus Adler bedient sich an Filmcodes. - © Jana Kaunitz
Nikolaus Adler bedient sich an Filmcodes. - © Jana Kaunitz

Am Anfang war ein sterbender Esel. Erschossen nach einem qualvollen Leben mitten in einer Herde Schafe. Viele sagen "der Arme", und ihre Trauer ist verflogen. Nikolaus Adler berührte die Szene zutiefst, sie beschäftigte ihn Monate, ja, sogar jahrelang. Schließlich verarbeitete er sie künstlerisch: "Balthazar" heißt die Performance - wie auch der Esel.

Es ist nicht irgendein Unpaarhufer, sondern jener der Schlussszene im Film "Au hasard Balthazar" aus dem Jahr 1966 des französischen Regisseurs Robert Bresson: "Ich bin der Frage nachgegangen, wie es möglich ist, dass ein Esel, der nicht weiß, dass er ein Akteur ist, mich so berühren kann. Und da bin ich auf Bressons Filmtheorie gestoßen." Dieser arbeitet aber mit Laiendarstellern - im Gegensatz zu Adler, dessen Tänzer allesamt Profis sind. Viel wichtiger als der Einsatz von Laien ist es für den österreichischen Tanzschaffenden, Bressons Theorie zu folgen: "Der Zuschauer muss mit seinen Gefühlen die Projektionsfläche füllen, die jene Laiendarsteller aufbauen." Denn vorgelebte Gefühle wären zu einfach für die Zuschauer, "die lehnen sich dann nur zurück". Er suchte nach einem Mittel, aus Bressons Filmsprache eine Tanzsprache zu entwickeln. Dazu möchte er aber nicht einen Film auf die Bühne bringen: "Vielmehr bediene ich mich der Codes der Filme, die der heutige Betrachter leichter entschlüsseln kann."

Essay über Leben und Sterben


Doch wieso gerade Film? "Ich bin ein Cineast und habe jede Möglichkeit während meiner Zeit an der Wiener Staatsoper genutzt, um gleich in das dahinter liegende Filmmuseum zu gehen." Der 42-jährige Wiener absolvierte die Ballettschule der österreichischen Bundestheater und war von 1993 bis 2007 als Tänzer an der Staatsoper engagiert. Dort schuf er auch 1995 unter Direktor Renato Zanella seine erste Choreografie. "Ich hatte eine Phase, in der ich mich extrem mit der griechischen Tragödie auseinandersetzte. Jetzt ist für mich der Film Schaffensquelle." Gibt es eine choreografische Handschrift, die, gleich einem roten Faden, in allen seinen bisherigen Werken zu sehen ist? "Sie ist sicherlich erkennbar in der Art und Weise, wie ich Geschichten erzähle oder Bilder anordne." Mit einer Portion Sehnsucht oder Melancholie. Prinzipiell versucht er aber, seine Arbeitsweise bei jedem Projekt zu verändern. Für "Balthazar" verwendet Adler sogar eine eigene Bezeichnung: "Es ist ein Tanzessay, der subjektiv, dokumentarisch und montageähnlich mit dem Thema umgeht - doch im Vordergrund steht der Tanz."

Doch welches Thema konkret? Der Tod? Das Mitleid? "Es ist kein Stück über den Tod. Das Sterben ist der Auslöser, aber man kommt unweigerlich zu der Frage, was davor passierte." Eine Geschichte also über Kindheit, Liebe, Qualen, in der der Tod dennoch nicht ausgeklammert wird.

Sein jüngstes Stück ist nicht seine erste Auseinandersetzung mit dem Genre Film. Bereits 2011 beschäftigte sich Adler mit Filmcodes und deren Umsetzung auf der Tanzbühne. Er brachte in Wien "Do not forsake me, oh my Darling. The Ballad of High Noon" heraus, die auf Fred Zinnemanns Western "High Noon - Zwölf Uhr Mittags" (1952) basiert. Doch die dazwischenliegenden fünf Jahre hat er nicht allein für die Arbeit an "Balthazar" gebraucht. "Zwei kleine Produktionen im Ausland sind entstanden, und dann hatte ich mir eine Auszeit genommen." Denn ihm wurde bewusst: "Wenn es zwei Wege gab, schlug ich den bereits bekannten ein." Auf Nummer sicher zu gehen, sei nicht sein Ding.

Selbsterklärend


Deshalb entwickelte er für "Balthazar", das am Donnerstag im Theater Nestroyhof Hamakom Premiere haben wird, eine neue Vorgehensweise: "Ich griff gleich jenes Thema auf, das mich am meisten in Bressons Film beschäftigt hat: die Schlussszene. Sie ist Ausgangspunkt der Performance. Gesehen haben muss man sie aber nicht", so Adler. Er hat sich dabei selbst eine Aufgabe gestellt: "Mein Wunsch ist, eine Aufführung zu kreieren, für die man nicht zuvor das Programmheft studiert haben muss." Selbsterklärend, sozusagen. Und das sei gar nicht so einfach, denn er beschäftige sich schon lange damit, der Zuschauer hingegen sei völlig unbelastet. "Ich denke, man sollte Werke so schaffen, dass man sie selber gerne sehen möchte." Doch er sei keiner jener Künstler, die sich bei der Premiere im Zuschauerraum am Besten über ihr Werk amüsieren.