Tanz der Ratlosigkeit: Markus Hering, Dorothee Hartinger. - © G. Soulek
Tanz der Ratlosigkeit: Markus Hering, Dorothee Hartinger. - © G. Soulek

Ein Mann besucht seine Frau. Sie weiß nicht mehr, dass sie verheiratet sind. Er erinnert sie jeden Tag. Welche Naturgewalt es war, als sie sich kennengelernt haben. "Als würden Nordkorea und Südkorea zusammenkommen. Als würde zusammenkommen, was lange getrennt war". So erklärt der Mann seiner Frau den Beginn ihrer Liebe. Am Ende dieser Liebe freilich arbeitet der Alzheimer hart.

Das ist eine von vielen Episoden, die Joël Pommerat in "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" zu einem metaphernreichen Ganzen fügt. Sie hängen nicht wirklich zusammen, aber eines haben sie alle gemeinsam: Sie handeln davon, wie Menschen trotz aller Liebe nicht wirklich zusammenkommen. Auch wenn sie paradoxerweise manchmal trotzdem nicht voneinander loskommen. Wie in jener Szene, in der ein Ex-Mann seine Ex-Frau in trauter Zweisamkeit mit ihrem neuen Mann aufschreckt. Er kommt, um ihr etwas zu sagen, was er vergessen hat, damals, als er sie überstürzt verlassen hat. Was er ihr da zu sagen hat, ist in seiner Banalität so herzerfrischend lustig wie rührend. Der neue Mann freilich ist von der Stippvisite verunsichert. Die alte Liebe hat in einer Blitzentladung die neue Liebe recht ordentlich erschüttert.

Unüberbrückbar

Es sind großteils sehr amüsante Episoden, etwa jene, in der eine Braut kurz vor der Hochzeit feststellen muss, dass ihr Bald-Angetrauter auch ihren Schwestern mehr als nur freundschaftlich verbunden war. Oder jene mit dem Priester, der seit sieben Jahren eine Prostituierte besucht. Eines Nachts teilt er ihr mit, dass sie sich nicht mehr treffen können, er habe eine andere Frau kennengelernt. Sie ist empört, dass er ihre Gefühle für ihn nie bemerkt hat. Zur Strafe muss er nun ohne Sex zum Abendessen kommen. Jeden Tag. Für immer. Dazwischen besingt ein schräger Vogel im Glitzeroverall in unverständlicher Sprache die zwischenmenschlichen Unüberbrückbarkeiten.

Vor einem Jahr war die "Wiedervereinigung der beiden Koreas" bei den Wiener Festwochen zu sehen. Wenn auch die Inszenierung damals etwas kompakter und enigmatischer war, so ist doch die Version, die nun im Wiener Akademietheater in der Regie von Peter Wittenberg Premiere hatte, ebenfalls gelungen. Ein greller Lichtbalkenvorhang trennt die Episoden geschmeidig voneinander, manchmal wird er auch gestaltend in das Bühnenbild integriert. Das wiederum ist reichlich karg, nur ein paar Heizkörper verstellen den Blick auf nackte Brandschutzwände.

Verrückte Dinge

Manche Schauspieler brillieren geradezu in den Miniaturdramen, etwa Martin Reinke als patschert-naiver Priester und Dirk Nocker als ein zunehmend enervierter Mann, dessen Freund ihn erinnern will, dass er früher nicht besonders sympathisch war. Markus Hering, Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Dörte Lyssewski, Petra Morzé und Daniel Jesch liefern eine starke Ensemble-Leistung.

Joël Pommerat ist mit "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" ein poetisch-absurdes, witziges Reigenspiel der emotionalen Ratlosigkeit gelungen. "Aus Liebe werden die verrücktesten Dinge gemacht" und "Liebe ist eine Gefahr", sagt hier einmal ein Arzt. Gerade diese Kombination macht sie aber auch so nachhaltig erfolgreich.