• vom 10.05.2016, 16:19 Uhr

Bühne

Update: 10.05.2016, 17:04 Uhr

Rockkonzert

Kampf in der Mehrzweckhalle




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Von Andreas Rauschal

  • Die britischen Bombastrocker Muse sorgten in Wien für ein Mordsspektakel.

Rock als Überlebenskampf und Materialschlacht: Muse live bedeutet zu viel zum Quadrat.

Rock als Überlebenskampf und Materialschlacht: Muse live bedeutet zu viel zum Quadrat.© LNP/Rex/PD Rock als Überlebenskampf und Materialschlacht: Muse live bedeutet zu viel zum Quadrat.© LNP/Rex/PD

Am Ende wurden vielleicht Chemtrails und die Bielefeldverschwörung ausgelassen. Dabei könnte auch das alles stimmen. Bielefeld steht nicht auf dem Tourplan von Muse! Und auch die komischen Kondensstreifen über der Wiener Stadthalle hätten Grund zu Spekulationen gegeben, biochemische Interventionen eines auf Aggression durch Suppression setzenden Staates und sein Überwachungsapparat wären konspirativ über Rudolfsheim-Fünfhaus zu Gange.

Drinnen mit einer in der Hallenmitte errichteten Rundumbühne deutete jedenfalls schon vor Konzertbeginn alles auf eine Mordsshow hin, die bezüglich dystopischer Visionen am Heimatplaneten Erde und, mit reichlich Hallenhall draußen im prallen Sternenall, dann auch tatsächlich wenig auslassen sollte.

Information

Rockkonzert

Muse

Wiener Stadthalle

Schwere Geschütze

Wir haben es bei Muse mit der letzten Kampfeinheit eines monumentalen Blockbuster-Bombastrock in den Niederungen für Entertainmentzwecke geöffneter Mehrzweckhallen zu tun. Vor knapp 16.000 recht unwienerisch Begeisterung zeigenden Konzertgängern - man besucht Muse sonst auf Festivals und ist in Sachen Fan-Workout Nummer eins, dem rhythmischen Synchronhüpfen, bestens eingespielt - fahren Muse auf ihrer "Drones World Tour" anlässlich des aktuellen Albums "Drones" über tot machende Drohnen, die drohende Apokalypse und den Aluhut als letztes verbleibendes Mittel des kleinen Mannes gegen das Pentagon, Brüssel oder die Kundenhotline der ÖBB entsprechend nachdrücklich schwere Geschütze auf.

Sirenen- und Laseralarmismus, Marschrhythmen mit Gewehrsalven imitierenden Snaredrums, "Schtzngrmm" von Ernst Jandl, mit Schlagzeug und Gitarre interpretiert. Dazu kreisten zwölf in transparente Kapseln gehüllte Drohnen über dem Publikum, um vorgeblich Livebilder durch die Halle zu schicken. Und das, obwohl bereits die angesichts der oft bescheidenen, wenn auch nie bescheiden auftretenden Kunst von Muse mehr als sensationelle Stimmung erklärt hätte, dass ihr Zweck unter streng vertraulicher Mithilfe der Pharmaindustrie im Ausstoß uns euphorisierender Chemikalien bestand! Habe ich schon erwähnt, dass es sich bei Muse unbestreitbar um die beste Band der Erde, der Galaxie, nein, aller uns bekannter Galaxien und darüber hinaus handelt??

Als kleines Dankeschön anstelle der in der Branche sonst üblichen "Dienst"-Reisen dürfte Sänger Matt Bellamy übrigens eine Substanz zur Verfügung gestellt worden sein, die ihn trotz seines zweistündigen Hochleistungsdiensts in einer militärische Strenge vermittelnden Lederjacke nicht schwitzen ließ. Beeindruckend, dass der Mann auch nach einer halben auf einer permanent rotierenden Rundbühne absolvierten Marathonlänge nicht dem Schwindel zum Opfer fiel.

Als Chef-Melismatiker, bei dem selbst Mariah Carey noch etwas lernen kann, musste er ja außerdem noch die eigene Stimme und seine Schwurbelsolos überstehen - während Muse als Metapher dafür, dass uns alle irgendjemand bedient, mit einer hallenhohen Lichtprojektion an Laserfäden als Marionetten gespielt wurden. Das gab dem armen Matt Bellamy kurz etwas Halt. Allerdings wurde mit einem Best-of entlang der Pole "Schrubb", "Jaul", Queen zum Quadrat, Ennio Morricone als Stadionsensation und Outer-Space-Eso-Kitsch aber auch fremdbestimmt kein Klischee ausgelassen. Alles an dieser Band ist immer zu viel.

Und wenn man glaubt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Raumschiff her. Am Höhepunkt der aktuellen Materialschlacht ließen Muse die Imitation eines Spaceshuttles durch die Halle gleiten. Konfettikanonen und Luftschlangen gab es noch vor dem Finale. Am Ende kam das Ende zunächst in Form eines Fiebertraums von der Hölle, ganz zum Schluss als letzte Durchhalteparole daher: "No one’s gonna take me alive!"

Draußen vor der Halle waren die Muse-Fans dann aber eh quicklebendig. Ob auch so ein Sechzehnerblech als Aluhut durchgeht?





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-05-10 16:23:04
Letzte Änderung am 2016-05-10 17:04:23


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