Wahlwienerin: Christiane Lutz. - © Katharina Schreiegg
Wahlwienerin: Christiane Lutz. - © Katharina Schreiegg

Wien. Auf den ersten Blick ein seltsames Timing: "Hänsel und Gretel" ausnahmsweise nicht im Winter, sondern im Mai als Opernpremiere - und das in einer Stadt, die schon zwei Produktionen davon besitzt. Für Regisseurin Christiane Lutz umso reizvoller. Weil die Volks- und Staatsoper das Werk recht konventionell darbieten, habe man für die Kammeroper-Premiere quasi eine "Carte blanche" gehabt. Außerdem sei Engelbert Humperdincks großer Hit, trotz heutiger Gepflogenheiten, in erster Linie eine romantische Oper, kein Adventstück. Lutz: "Das einzige, was das Werk mit Weihnachten zu tun hat, ist das Uraufführungsdatum, der 23. Dezember."

Erstmals zu sehen ist Lutz’ Neudeutung (begleitet von einer Kammerorchesterfassung Helga Pogatschars) am Donnerstag, und rein äußerlich lässt sie kaum einen Stein auf dem anderen. Nicht nur, dass Hänsel und Gretels Vater vom Besenbinder zum Staubsaugervertreter mutiert. Der Mann, wir sind in Wien im Jahr 1980, plant mit zwei Freunden einen handfesten Bankraub; Komplize Sandmännchen schaufelt dafür einen Tunnel aus. Und was machen die beiden Hauptdarsteller? Sie sollen von alledem möglichst wenig mitkriegen. Tun sie aber doch aufgrund eines Zufalls. Durch unterirdische Gänge in die Bank gelangt, lernen sie einen merkwürdigen Wächter kennen, der nicht umsonst die Hexenrolle singt. Das Knusperhäuschen wird dabei zum Tresorraum, der Ofen zum Safe.

Wenn die Not aufs Höchste steigt: Viktorija Bakan (Gretel) und Jake Arditti (Hänsel), gefangen im Tresorraum. - © Herwig Prammer
Wenn die Not aufs Höchste steigt: Viktorija Bakan (Gretel) und Jake Arditti (Hänsel), gefangen im Tresorraum. - © Herwig Prammer

Warum all die Metamorphosen? Lutz - sie hat 2014 in der Kammeroper schon Händels "Rinaldo" in einen Hitchcock-Film verwandelt - will die Grundthemen von Humperdincks Märchenspiel offenlegen, und das seien nicht "Engelsflügerl und Lockenperücke", sondern "Armut, Vertrauensverlust gegenüber den Eltern" sowie das "Großwerden" und "die Sehnsucht nach einem anderen Leben" - letzteres auch in finanzieller Hinsicht.

In der ersten Reihe -
aber nicht aus Egogründen


Apropos Verdienst. Wie kam Lutz zu ihrem Brotberuf? Sie sei da mehr hineingewachsen, als dass sie von Anfang darauf zugesteuert hätte. 16 Jahr ist es her, da übersiedelte die Frau aus Wiesbaden nach Wien und inskribierte erst einmal Theaterwissenschaft. Dass man hier auch Opernregie studieren könne (am Max-Reinhardt-Seminar), erfuhr sie erst später und beiläufig. Wobei: An sich hatte Lutz mit einem Dramaturgenjob geliebäugelt; der Gedanke, dass "die Bühne nur auf mich gewartet hat", sei damals nicht wirklich in ihrem Kopf verankert gewesen. Über die Jahre - und mehr aus Sachinteresse denn aus Egozentrik, wie die Wahlwienerin beteuert - sei sie aber doch selbstbewusst in der Regiezunft angekommen.

Aber der Reihe nach: Nach der Hauptuni ging es ans Reinhardt-Seminar, es folgten Engagements in Graz und Lübeck - und zwei Jahre, in denen Lutz das Kinderzelt der Wiener Staatsoper leitete. Die vielen Jugendproduktionen in ihrem Lebenslauf: Zufall oder bewusste Entscheidung? "Ich bin jetzt an großen Häusern und bekomme Chancen, von denen man immer geträumt hat. Die Jugendprojekte habe ich aber sehr gern gemacht." Oft zitiert, doch wahr: Kinder seien ein anspruchsvolles Publikum. "Bei Erwachsenen kann man sich drüberschummeln, indem man Gravität simuliert. Bei Kindern funktioniert das nicht", sagt die Künstlerin, die privat mit Tenor Jonas Kaufmann liiert ist. "Das ist eine gute Schule, und man sollte sie nicht vergessen, wenn man für Erwachsene arbeitet."

Stellt sich noch eine aktuelle Frage: Kann man Lutz’ Panzerknacker-Regie von "Hänsel und Gretel" auch dem Nachwuchs zeigen? "Klar, ich will unbedingt, dass auch Kinder hineingehen können - und dass sie fasziniert sind."