In grindigen Zottelfellmänteln, mit weißen Schminkmasken heizten die "Dakh Daughters" den Protestmassen auf dem Maidan von Kiew ein. Bei den Festwochen gastieren sie im Museumsquartier mit "Roses" in possierlichem Outfit: hochgesteckte Frisuren, graue Tüll-Tutus, signalrote Lippen zum Ballerinen-Knicks. Ihr Mentor und Regisseur Vlad Troitskyi etikettierte die Sechs als "Freak-Kabarett" für den Festival-Markt im Westen – drüben in Europa, wie man heute noch in Kiew und Charkiw sagt. Ungvár/Uschgorod oder Lemberg/Lwiw sind schon nähergerückt. Eine Kulturgrenze teilt die Ukraine. Der Westen griechisch-katholisch, der Osten russisch-, seit 1992 ukrainisch-orthodox.

Europa hat längst vergessen, dass die Zottelfrauen aus Troitskyis Theater "DAX" (zu lesen als Dach, Dakh) 2013 "für eine europäische Ukraine" (so die Riesenlettern auf einer Showbühne) sangen, schrien, stampften, Fäuste schwangen. Erst eine Nachricht aus Stockholm am Wiener Premierenabend lenkte den politischen Suchscheinwerfer auf die Maidan-Maiden zurück. Die ukrainische Sängerin Jamala gewann mit einer Klage über Stalins Deportation der Krim-Tataren 1944 den Europäischen Song Contest. Hier wie dort wurde blau-gelb Flagge gezeigt – heute eine Kleinkriegsflagge. So modest, artifiziell, kommerziell domestiziert die Dachtöchter auch auftreten: In ihrer 18-Nummern-Revue mischen sich Frauenpower, als typisch russisch geltende Poesie-Zelebration, Ethno-Bewahrung (wie Jamala auch armenische), literarische Internationalität (bis zu Charles Bukowskis Selbstkastrationsgedicht "Freedom") und Sowjetavantgarde-Regress mit politischer Trauer und Wut.

Eins zu eins lässt sich Protest nicht über Kulturgrenzen exportieren. Am direktesten schafft das Maria Wolkowa auf dem Bühnenhintergrund mit ihren animierten Videographiken und Filmsequenzen. Das Flüchtlings-Poem "Nimm nur das Wichtigste" des dank Harry Rowohlt auch in Deutschland bekannten Ukrainers Serhij Schadan ist mit an regennassen Zugfenstern vorbeieilenden Siedlungshäuschen illustriert. Lyrischer Ton wie vom Mascha Kaléko, Theodor Kramer. Die CND-Peace-Rune kreist. Zur Titelcollage "Rosen/Donbass", mit Partikeln aus einem Shakespeare-Sonett und Volksliedern, gleiten Fotos von stolzen Bergarbeitern über die Bildwand. Fotos einsturzreifer Plattenbauten bilden tristen Alltag ab. Zo, die Dichterin der Gruppe, fragt schmerzinniglich wie Ungezählte vor ihr: "Warum gibt es so viel Böses auf der Welt?" Dazu Bildzitate von Leonardo, Michelangelo, Bosch. Hier stützen Meister Kitsch.

Die sechs Frauen sind auf 15 Instrumenten griff- und tastenfest. Zwei sogar an der Trembita, dem "ukrainischen Alphorn". Sie zelebrieren die Bühnenshow streckenweise in starrer Symmetrie. Dazwischen, etwas aufgesetzt, Action, Ausbrüche. Wohl tanzen noch zwei Zottelweiber vorbei, aber harmlos wie der Eisbär in der Goldbärli-Werbung. Obwohl altes Herzblut drinnensteckt, wirken manche Gesten wie abgekupfert – vom Punk der Patti Smith bis zum Schmeichelzauber von Regina Spektor.

Viel Kunstasche, wenig Feuer, doch die Glut ist nicht erloschen. Die Maidan-Revolte wird heute in Europa kritischer als zur Jahreswende 2013/14 gesehen. Jamala entfachte die Feuer von damals vor 200.000 Zuschauern neu. Und gab den Dakh Daughters das verdiente Gewicht zurück. Jenseits des Kommerzmaßes auf dem Pop-Markt.