Schier unersättlich ist der Rollenhunger der Cecilia Bartoli: Seit der Opernweltstar 2012 die Leitung der Salzburger Pfingstfestspiele übernommen hat, gab er dort die heidnische Hohepriesterin ("Norma"), beglückte als Aschenputtel ("La Cenerentola"), schulterte das Joch der antiken Tragödin ("Iphigénie en Tauride"). Und der Scharaden kein Ende: Bis 2021 wird die sympathische Römerin an der Salzach ihrer Experimentierlust frönen und dafür wohl auch weiterhin den Applaus voller Säle ernten.

Ausverkauft war am Freitag auch die Felsenreitschule, und die Spannung fast mit Händen zu greifen. Immerhin war bei dem Klassik-Festival mit Leonard Bernsteins "West Side Story" erstmals ein Musical aufgeboten – und dabei Bartolis Debüt als Maria. Das war kein Experiment, sondern schon ein veritables Wagnis. Schließlich wirkt der vibratoreiche Mezzo der Italienerin kaum geschaffen für den Ausflug in ein (wenn auch opernhaftes) Musical, überdies stellte sich eine heikle Frage: Kann eine 49-Jährige wirklich als verliebter Teenager überzeugen?

Die Geistergeherin

Darüber hat offenbar auch die Regie gebrütet und eine Ausweichlösung gefunden: Bartoli verkörpert gar nicht die jugendliche Maria, sondern ein gealtertes Pendant – eine Trauernde, die unter Glockengeläut zum Grab ihres Tony pilgert und sich noch einmal an alles erinnert. Wie sie im Brautmodengeschäft mit ihrer Freundin Anita gestritten hat. Wie sie sich beim Tanzen in den feschen Tony verliebte, statt standesgemäß in einen Puerto-Ricaner. Und wie sie ihre Amour fou im Bandenkrieg der Sharks und Jets verlor. Das alles greift hier – so jedenfalls das Konzept – als Erinnerung Raum.

Das ist gut gedacht, nur leider: nicht gut gemacht. Auf der Riesenbühne mit ihrem mobilen, mehrstöckigen Gerüst (George Tsypin) hat Bartoli herzlich wenig zu tun. Während das Ensemble – mit einer quirligen, exemplarischen Michelle Veintimilla als Jung-Maria – die "West Side Story" singt, tanzt und spielt, dass es eine Freude ist, trottet Bartoli als verlorene Schmerzensfrau herum und sieht, je nach Szene, verzückt oder bedrückt drein. Kurz: Die Kernfigur der Regie verkommt auf der Bühne zu einer Geistergeherin.

Um das zu verhindern, hätte Philip Wm. McKinley, so kurzweilig seine Arbeit an sich ist, keine klassische, an Filmbildern geschulte Produktion auf die Bühne stellen dürfen; es hätte der psychologischen Zuspitzung bedurft. Diese finden zwar statt, aber nur selten. Wenn sich etwa die ältere in der jüngeren Maria spiegelt. Oder, ein schönes Traumspiel: Wenn sich die Tänzer (Choreografie: Liam Steel) dem "Somewhere" einer heilen Welt entgegenrecken und dann vom Beil des Rassenhasses wieder in Puerto-Ricaner und Hellhäutige gespaltet werden. Mehr davon!

Bartolis Anwesenheit? Sie wird fast nur durch die Songs gerechtfertigt. Auch dann bleibt Jung-Maria zwar in ihrer Rolle, das Pendant wird aber – aus einiger Distanz – klangaktiv. Mit gemischten Ergebnissen: Achtbar sind sie, wenn die Musik ins Opernhafte drängt ("Tonight"). Hits wie "I Feel Pretty" liegen Bartoli aber wohl ebenso wenig wie Donna Summers "Hot Stuff".

Ekstatisches Orchester

Ansonsten ist das Ensemble eine Beglückung. Klanglich flexibel, schaltet Norman Reinhardt (Tony) im Bedarfsfall Opernstimmkräfte zu und glänzt mit seiner Kopfstimme. Die Kollegen brillieren durch die Bank mit einem schlackenlosen Musicalstil: Karen Olivo (Anita) bietet mächtige Brusttöne auf, Dan Burton (Riff) beweist ebenso Schneid in Klang und Bild wie George Akram (Bernardo), und Jon-Scott Clark – easy, Action! – zerreißt es nur so vor Tatendrang.

Ebenso ekstatisch das Simón Bolivar Symphony Orchestra: Unter der Führung von Gustavo Dudamel wuchtet es den Mambo druckvoll heraus, lässt in "America" die Hemiolen scheppern und insgesamt die Trompeten-Effekte röhren, als gäb’s kein Morgen. Dass die Regie ins Finale noch einigen Schmalz pumpt (es setzt dann ein Wiedersehen der Liebhaber im Himmel!), nimmt man angehörs dieses Feuers kulant hin. Letztlich eine Mambo-Zugabe, Rosen und Standing Ovations.