Intensität trifft Milde: Rebeka und Domingo. - © Staatsoper/Pöhn
Intensität trifft Milde: Rebeka und Domingo. - © Staatsoper/Pöhn

"Dass der grässliche Hass in ihm mehr vermag als meine Stimme!" Man darf diesen Ausruf der Violetta Valéry, getätigt im zweiten Akt von "La traviata", nicht nur als Wehklage deuten, sondern neuerdings auch als Ausdruck berechtigter Überraschung. Das leichte Mädchen des Giuseppe Verdi, von Schwindsucht und Liebespech schwer gebeutelt, wird an der Staatsoper nun von Marina Rebeka gesungen - und die verfügt über eine solche Klangwucht, dass der Hass des entfremdeten Alfredo schon gewaltig sein muss, um daran nicht gleich zu zerbrechen.

Überhaupt dominiert Rebeka, 1980 in Riga geboren, die Bühne: Das ist schon allein deshalb eine Leistung, weil die dunkle Produktion von Jean-François Sivadier die Gefahr birgt, die Protagonistin zu verschlucken - jedenfalls, wenn diese nicht den Starglanz einer Natalie Dessay besitzt. Ihr ist dieser Abend 2011 auf den Leib geschneidert worden, danach ging er ins Wiener Repertoire über.

Rebeka ersetzt Glamour durch Energie: Mit einer Stimme, die sich regelrecht ins Gehör fräst, liefert sie Höchstwerte an Inbrunst. Zwar schießt ihr Glasschneider-Sopran mitunter über Härtegrenzen hinaus, statt Nuancen zu suchen, und er verliert gegen Ende ein wenig an Präzision. Dennoch eine Hingabe, die ihresgleichen sucht.

Auch Dmytro Popov (Alfredo) überzeugt: Anfangs etwas stimmsteif, gewinnt sein reicher Schönklang zunehmend an Agilität. Kernattraktion des Abends aber fraglos Plácido Domingo, weltbester Opernsänger der Generation 60plus. Mittlerweile 75 (!), sucht sich der Ex-Tenor immer noch neue, baritonale Herausforderungen, wie nun als Alfredos Vater. Sicher: Man hat den Giorgio schon strenger poltern hören. Mit einem samtigen Klang (und auch gestisch) rührt Domingo aber von Anfang an am Herzen. Etwas inhomogen zwar das Ensemble, dank des drahtigen Dirigats (Marco Armiliato) aber ein stets qualitätvoller Abend.