Obenauf: Netrebko und Becza a in Dresden. - © Daniel Koch
Obenauf: Netrebko und Becza a in Dresden. - © Daniel Koch

Am Ende waren alle Zweifel ausgeräumt. Anna Netrebko kann es - auch die Elsa von Brabant. Sie trifft "In Lichter Waffen Scheine" einen verträumt naiven Ton, singt "Es gibt ein Glück" betörend abwesenden. Den Streit mit der Nebenbuhlerin Ortrud auf offener Szene meistert sie sowieso, und im selbstbewussten Bruch ihres Versprechens, Lohengrin nicht nach seiner Herkunft zu fragen, kann Netrebko so richtig aufdrehen.

Die Russin hat auch kein Problem mit der deutschen Diktion. Netrebko, 44, ist eben ein Vollprofi von Format, der seinen Einzug auf dem Wagnerolymp durch einen Weg von Mozart über Verdi so klug vorbereitet, dass auch ihr erster Wagner zum Triumph wird. Ein Superstar, der den Vermarktungsrummel und Hype um ihre Person bedient und zugleich selbst immer wieder unterläuft. Eine Teamspielerin, die am Ende jede Skepsis beiseite wischt.

Was sie jetzt in Dresden bot, war in der Wahrnehmung zwar ganz auf sie zugeschnitten, aber dennoch keine One-Woman-Show. Schon, weil mit dem polnischen Tenor Piotr Beczała ein Lohengrin debütierte, der sich damit auf Anhieb in einer Klasse etablierte, in der sonst Jonas Kaufmann und Klaus Florian Vogt unterwegs sind. Bis an die eigenen Grenzen zu gehen, aber so klug einzuteilen, dass am Ende eine referenzverdächtige Gralserzählung drin ist, all das mit betörendem Timbre (und absolut akzentfreiem Deutsch) zu verbinden, auch das gehörte an diesem Abend zum puren Wagnerglück.

Die Semperoper hat aber nicht abgedunkelt, damit die Wagner-Sterne strahlen. Wie auch, mit Evelyn Herlitzius als Ortrud, Georg Zeppenfeld als König Heinrich und Tomasz Konieczny als Telramund! Der Semperopernchor ist immer einer der Besten, in Sachen Wagner vielleicht gar der Beste. Und dann Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle: vom Silberglanz der Gralsklänge bis zum Brautgemach-Hit eine Performance zum Niederknien. Natürlich mit Sinn fürs Ganze, mit Finesse für die Transparenz und pointiertem Einsatz der fabelhaften Bläser.

Zweite Sternstunde in Folge

Für die Fans des deutschen Großkomponisten war diese Woche sowieso Weihnachten und Ostern gleichzeitig: erst das "Meistersinger"-Wunder an der Bayerischen Staatsoper mit Kirill Petrenko am Pult und dem Stolzing-Debüt von Jonas Kaufmann. Und jetzt, in dem anderen, Wagner eng verbundenen Opernhaus in Dresden, ein "Lohengrin"-Mirakel - mehr kann man nicht verlangen.

Und die Inszenierung? Es gibt solche, die machen Rezeptionsgeschichte, und andere, die werden zu Stützen eines Repertoires und bleiben jahrzehntelang im Programm. Die von Christine Mielitz aus dem Jahre 1983 gehört zum zweiten Typus. Sie hat einen Umzug vom Schauspielhaus in die 1985 wiedereröffnete Semperoper und einen politischen Regimewechsel überlebt und lieferte jetzt in der 112. Aufführung den Rahmen für das Großereignis. Die Räume sind übersichtlich, die Geschichte wird genau erzählt, das Militärische daran durch eine Kostümshow betont - die Massenchoreografie würde die Mielitz wohl nicht mehr so durchgehen lassen.

Aber das spielte an diesem Ausnahmeabend wirklich keine Rolle. Zumindest für die vier ausverkauften Vorstellungen. Das Ganze war natürlich auch so etwas wie eine Generalprobe für Bayreuth. Dort sehen sich zumindest Thielemann und Netrebko 2018 aller Wahrscheinlichkeit nach beim nächsten "Lohengrin" wieder.