Der Amazonas ist normalerweise ein ganzes Stück entfernt vom Wiener Museumsquartier. Nicht aber, wenn Schauspieler und Theatermacher Simon McBurney zu Gast ist. Mit seiner beeindruckenden One-Man-Show "The Encounter" holte er den Urwald nicht nur ins Herz von Wien, sondern auch in den Kopf seiner Zuseher.

Dafür braucht McBurney nur ein paar technische Hilfsmittel und seinen schauspielerischen Furor. Den Rest erledigt die menschliche Vorstellungskraft. Wie einfach sich die manipulieren lässt, zeigt McBurney in einer Art Prolog zum Stück: Nachdem sich das ganze Publikum die vorbereiteten Kopfhörer aufgesetzt hat, erklärt er den Umgang mit seinem einzigen Partner auf der Bühne, einem kopfförmigen Mikrofon, das die Geräusche in den Kopfhörer räumlich abhängig überträgt. Was das bedeutet, merkt man, sobald es einem kalt den Rücken hinunterläuft, wenn McBurney auf das Ohr des Kopfmikros bläst.

In "The Encounter" verarbeitet McBurney die Geschichte des "National-Geographic"-Fotografen Loren McIntyre, die wiederum Schriftsteller Petru Popescu niedergeschrieben hat. McIntyre machte sich Anfang der 70er auf die Suche nach dem geheimnisumwobenen Indio-Stamm der Mayoruna. Der Legende nach wussten nur die Ureinwohner, wo der Amazonas seinen Ursprung hat. McIntyre kommt gerade recht zu einer langwierigen Zeremonie, die den Stamm zum "Anfang" bringen soll. Dass dieser Anfang, wie er zögerlich vermutet, tatsächlich den Beginn der Zeit meint, bestätigt ihm der Häuptling. Der mit McIntyre wundersamerweise telepathisch kommuniziert. Am Ende wird McIntyre noch einen anderen "Beginn" finden: die Quelle des Amazonas. Davor muss der Fotograf noch den Mordanschlag eines Stammesmitglieds überleben, der ihn mitten im nächtlichen Dschungel zurücklässt. Diese Szene spielt auch in der Halle E in totaler Dunkelheit. Der Urwald und seine flirrenden Geräusche und singenden Gefahren bohren sich da besonders eindrücklich in die Köpfe.

Hypnotische Anklage


Ab und zu unterbricht McBurney seine Geschichte, weil seine Tochter nicht einschlafen kann - die natürlich nicht anwesend und voraufgezeichnet ist. Ein kesses Spiel mit der Wahrnehmung, wie auch, wenn er sich mit dem eben noch als Mitternachtssnack verwendeten Chipspackerl zurück in die Erzählung raschelt - dort ist das Geräusch ein knisterndes Feuer, in dem McIntyres Habseligkeiten lodern.

McBurney streift in seinem atemlosen Parforceritt philosophische und politische Themen. Die rituellen Feuer der Mayoruna während der Zeitsprung-Zeremonie sind symbolhaft für einen Abschied vom Materialismus. Sie verweisen auf unser modernes Leben, das von Daten, die wir nicht loswerden, überfrachtet ist, aber auch auf die Konsumgier der Menschheit, die nicht zuletzt den Regenwäldern großen Schaden zufügen. Was natürlich die Ureinwohner immer mehr in die Enge treibt.

Nie verliert McBurney aber die Balance zwischen der intellektuellen Substanz und der metaphorischen Sinnlichkeit. Wenn man nach der Aufführung unter den Sessel greift, um das Programm aufzuheben und sich kurz wundert, dass da ja gar keine Lianen liegen, dann hat man aufregendes, hypnotisches Theater gesehen.

Theater

The Encounter

Festwochen, Halle E, bis 5. Juni