Ein Stück macht von sich reden: Vier Personen beschimpfen das Publikum. Es gibt keine Handlung, statt dessen eine klare Absage an alles, was bisher Theater war. Den Autor interessiert nur das Geschehen zwischen Schauspieler und Zuschauer. Wie ein Konditor eine Torte verziert, so trägt Peter Handke seine Tiraden als das gewisse Etwas auf. Statt Schlagobers oder geschmolzener Schokolade spritzt sein Beutel Gift und Galle: "Glotzaugen", "Rotzlecker", "Gernegroße", "Kriegstreiber" "Gauner", "Ohrfeigengesichter" "Schrumpfgermanen". Das kleine Haus ist ganz groß an diesem 8. Juni 1966. Regisseur Claus Peymann schreibt im Theater am Turm in Frankfurt ein Kapitel der modernen Theatergeschichte. Er weiß, worauf es hinausläuft. Ein Theaterskandal zieht übers deutschsprachige Land.

Irgendwann im Lauf seiner Karriere widerfährt jedem großen Künstler ein Skandal. Lassen wir die öffentlich gewordenen privaten weg, die meistens etwas mit Bett und Beischlaf zu tun haben, und beschränken uns auf jene, die der Kunst entspringen, wären da Richard Wagners Pariser "Tannhäuser"-Skandal und Igor Strawinskys "Sacre du printemps", ebenfalls in der französischen Hauptstadt. Das sind die beiden bekannten großen Kunsterregungen. Aber dann wären da noch Molière mit seinem "Tartuffe", Schiller mit den "Räubern", Jarry mit "Ubu roi", Dürrenmatt mit "Es steht geschrieben". Den Malern ergeht es nicht besser: Edouard Manets "Olympia", Francisco Goyas "La maja desnuda" und der Bildhauer Constantin Brancusi erregt mit "Princesse X" die Gemüter. Das sind nur einige ganz wenige. Kann überhaupt, wer nie einen Skandal hatte, ein großer Künstler sein? (Aber Vorsicht vor dem Umkehrschluss: Nicht jeder nämlich, der einen Skandal baut, ist ein großer Künstler.)

Dalkete Dockn und Rauber

Es ist halt ein Jammer mit dem Spartendenken der Kritik und Wissenschaft. Die Theaterer wissen von den Musizierern nichts und umgekehrt. Deshalb also schreibt Handke Theatergeschichte mit seiner "Publikumsbeschimpfung" und nicht der deutsche Komponist Carl Orff.

Der war nämlich früher dran. Nicht um ein Jahr, nicht um fünf Jahre, sondern um knapp 13 Jahre. Ob Handke jenseits von Beatles und Rolling Stones auch "Astutuli" hörte? Orffs Stück ist ganz anders, dennoch verblüffen die Parallelen.

Orff, mit "Carmina burana" längst weltberühmt, befremdete mit der ungleich bedeutenderen "Antigonae". Und jetzt schreibt er ein völlig verrücktes Stück: "Astutuli" ist eine Art Sprechoper in einem altbayerischen Kunstdialekt, singen lässt Orff nur ein paar Takte, der Rest wird gesprochen oder zu Schlagzeugbegleitung rhythmisch skandiert.

Immerhin gibt es noch einen Inhalt, eine Art Des-Kaisers-neue-Kleider-Geschichte. Am Höhepunkt, wenn die angeschmierten Oberschlauen in den Unterhemden dastehen und das Publikum vor Lachen kaum noch atmen kann, reißt Orff die Trennung zwischen Bühne und Zuschauerraum ein. Die Schauspieler wenden sich direkt an das Publikum: Man will nicht ausgelacht werden, bitteschön. Man verlangt jetzt das Zaubergewand, das einem die "Landsterzer" vorenthalten haben, von den Zuschauern. Und dann geht’s los, frontal ins Publikum gesprochen: "Scheißer! Bscheißer!" "Dalkete Dockn!" "Gschlamperte Hadern!" "Lumpenpack!" "Scheißkerle ihr!" "Rauber!"

Orff war sauer, weil seine als Münchner Festspiel gedachte "Bernauerin" in München auf wenig Gegenliebe stieß. Mit einem Theatertrick sagte er den Münchnern, was er von ihnen hielt. Es setzte einen Skandal, der sich gewaschen hatte, und man will gar nicht wissen, was als Seifen- und Wasserersatz Verwendung fand. Nicht jeder, der einen Skandal baut, ist ein großer Künstler. Orffs Skandal jedoch basiert auf großer Kunst: "Astutuli" ist ein bis heute übersehenes Meisterwerk.

Schimpfen war Scherzen

Was Orff unternimmt, ist eine Publikumsbeschimpfung fäkalienverunreinigsten Wassers. Der Österreicher Handke sagt es viel vornehmer, und sowieso spürt man bei ihm das intellektuelle Spiel viel stärker als bei dem in bajuwarischem Furor lospolternden Orff, der schimpft wie ein Rohrspatz und sich dabei vor Lachen biegt. (Wieso schimpfen eigentlich die Rohrammern, um es zoologisch korrekt zu sagen, gar so arg? - Schon einmal gehört, was eine verärgerte Krähe von sich geben kann?)

Apropos schimpfen, apropos lachen: Sprachlich gesehen, gehört das zusammen. Im Mittelhochdeutschen etwa galt die Regel: "swer schimpfen wil, der schimpfe also / daz sîn gesellen mit im sîn frô" ("wer spaßen will, der spaße so / dass sein Freund mit ihm sei froh"). Der Barockdichter Andreas Gryphius nennt sein Stück "Absurda Comica Oder Herr Peter Squentz" ein "Schimpfspiel" und meint damit eine Posse.