Später bekommt schimpfen immer mehr den Anstrich des bösen-Worte-Machens, den es heute noch hat. Wobei schimpfen auch bedeuten kann, jemanden etwas nennen. In Österreich immer seltener, aber in Bayern noch häufig kann man hören: "So einer schimpft sich Bäcker", wenn die Brezn zäh ist, oder: "So einer schimpft sich Schneider", wenn das linke Hosenbein in der Länge vom rechten abweicht.

Aber nicht nur die Bayern wissen, jemanden etwas zu nennen. Das können auch die Einwohner der österreichischen Hauptstadt. Wie zum Beweis prangt auf der Umschlagseite des Büchleins "Schimpfen wie ein echter Wiener" zusätzlich zum Titel das Wort "Gfrast". Bei der Übersetzung ins Hochdeutsche sind diverse Nachschlagwerke keineswegs deckungsgleich. Das "Österreichische Wörterbuch" müsste es eigentlich am besten wissen und schlägt "schlimmes Kind; schlechter, gemeiner Mensch" vor. Das Internet-Wörterbuch ostarrichi.org, dem man nicht minder ein austrozentrisches Sprachbild unterstellen darf, wartet hingegen mit "etwas, das nicht funktioniert" auf. Dann wäre es also eine Form von Fehlfunktion, wenn eine Rotzpipn nicht macht, was die Mutter oder der Vater sagt, oder wenn ein Schlawiner seine Gaunereien durchzieht?

Dem Nobelpreis entgegen?

Komponisten haben eigene Methoden des Schimpfens. Max Reger schrieb seinen Kritikern zu Ehren eine Sonate, deren Hauptthemen aus den Tönen eS-C-H-A-F und A-F-F-E bestehen. Bei der Aufführung soll er beim Auftreten der Themen auf die jeweiligen Personen gedeutet haben.

Das kann einen literarischen Höhenflug inspirieren. Vielleicht schreibt ja einmal ein Autor eine wienerische Publikumsbeschimpfung. Das würde auch als Monodram funktionieren, was den notorisch unterdotierten Wiener Spielstätten zugutekäme. Da stellt sich dann einer im Jägersakko oder in einer braunen Lederjacke (zu dumm, dass es heute keine typische Wiener Tracht mehr gibt) auf die Bühne, schaut ins Publikum und hebt an: "Krampen und Schragen, Hiafler und Koffer, Kerzlschlucker allesamt! A Gstauchter, a Zniachtl, a Handtiachl! Furchenscheißer, Zipferlreißer, Pleampl und Gsteaml wohin i schau." Dabei zeigt er ins Publikum. Wetten, dass eine Erregung einsetzt?

Damit hätte das Stück das Potenzial zum Skandal. Und der Autor stünde auf der ersten Stufe der Leiter zum Literaturnobelpreis. Ganz ungeachtet dessen, dass (falls ich’s noch nicht angemerkt haben sollte) nicht jeder Skandal automatisch große Kunst bedeutet. Aber eine Karriere für den Moment - die war oft genug drin.

Schimpfen wie ein echter Wiener
Holzbaum 2016, 127 Seiten, 9,99 Euro