Bayreuth/Wien. "Bayreuther Lokalposse" nannte der deutsche Dirigent Hans Knappertsbusch seinerzeit Richard Wagners "Parsifal". Was sich um die diesjährige Premiere des "Bühnenweihfestspiels" tut, kommt dieser Einschätzung nahe. Ganz ohne den liebevoll ironischen Unterton.

Dabei ist man für die Festspiel-Vorbereitungszeit ganz anderes gewohnt. Nicht, dass es nur Harmonie gegeben hätte. Da kochten schon Auseinandersetzungen hoch, wenn man auf dem Grünen Hügel einander nicht grün war und die beiden Chefinnen Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner in unterschiedliche Richtungen zerrten. Doch seit September 2015 ist Katharina Wagner alleinige Herrin, und Christian Thielemann ist ihr Musikdirektor.

Damit sollte das bisherige Konfliktpotenzial marginalisiert sein.

"Blödes CSU-Schauspielhaus"

Doch es gibt neues. Dass es sich ausgerechnet im "Parsifal" manifestiert, mag man als Symptom werten, denn diese Oper, die ein hochprozentiges Destillat des Wagner’schen Heilsbringer-Mystizismus’ darstellt, ist mit Bayreuth so verbunden wie keine andere der restlichen zwölf.

Zuerst war da das Engagement des deutschen Künstlers Jonathan Meese als Regisseur. Der war zwar nicht ganz so opernunerfahren, wie ihm das deutschsprachige Feuilleton nachsagt, aber sein postmodernes ideologiefreies Spiel mit Symbolen des Nationalsozialismus wäre in Bayreuth, einer jener Stätten, an denen Hitler zu hitlern gelernt hatte, problematisch gewesen. In den Kommentaren fand eine Polarisierung statt. Bayreuth hätte so aufregend werden können wie seit dem "Chéreau"-Ring" anno 1976 nicht mehr.

Wollte die Führung, die in diverse Scharmützel verstrickt war, keine weitere Front aufmachen? Jedenfalls trennte sie sich von Meese, und zwar wegen Überschreitung des Budgets.

Seither feuert Meese Breitseiten: Er "hätte dafür gesorgt, dass sich Bayreuth ausdehnt. Vielleicht so groß wie Deutschland, wie Europa, vielleicht so groß wie die Welt", sagt Meese unlängst im Interview mit dem "Tagesspiegel" und nennt Bayreuth ein "kleines, blödes CSU-Schauspielhaus".

Uwe Eric Laufenberg sprang schließlich ein als Regisseur. Dass Laufenberg, der etwas Religionskritisches mit dem "Parsifal" vorhat, die genau aus diesem Grund angeordneten verschärften Sicherheitsvorkehrungen kritisierte: Es war hinzunehmen als das übliche Vor-Premieren-Wortgeplänkel zwecks Spannungssteigerung. Insgesamt aber schien alles tiefer Frieden, bis...

Ja, bis Stardirigent Andris Nelsons am Donnerstag seinen Dirigentenstab quasi Katharina Wagner vor die Füße schmiss. Oder galt die unfreundliche Geste des Letten eher Thielemann?

Autoritätsverlust

Die "Welt" ortet den Musikdirektor ganz klar als Schuldigen: Er habe Nelsons bei den Proben hineingeredet und fallweise sogar mitdirigiert. Die "Welt" will von Proben wissen, in denen Chor und Orchester machten, was Thielemann, nicht, was Nelsons wollte. Der Sechsunddreißigjährige, der immerhin Chefdirigent des Birmingham Symphony Orchestra und des Boston Symphony Orchestra war, das Lucerne Festival Orchestra leitet und designierter Chefdirigent des Gewandhausorchesters ist, stand da wie ein hilfsbedürftiger Anfänger.

Thielemann, als einer der besten Wagner-Dirigenten gehandelt, gilt als menschlich schwierig. Seine Karriere ist von Konflikten begleitet. Dennoch ist der nunmehrige Krach unverständlich, denn der Vollprofi Thielemann müsste seine Grenzen als Musikdirektor kennen: beraten - ja, hineinreden - nein. Nelsons, der den von Thielemann inszenierten Autoritätsverlust keinesfalls hinnehmen konnte, blieb gar nichts anderes übrig, als zu demissionieren.

Thielemann bestreitet indessen alle Vorwürfe. Er selbst kann übrigens aufgrund der "Tristan"-Wiederaufnahme die "Parsifal"-Premiere nicht selbst übernehmen. Damit muss Katharina Wagner innerhalb von drei Wochen einen "Parsifal"-Dirigenten finden.

Angesichts des Renommées der Bayreuther Festspiele sollte das nicht allzu schwer fallen.