• vom 04.07.2016, 17:03 Uhr

Bühne

Update: 04.07.2016, 17:52 Uhr

Opernkritik

Hollywood an der Wien




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Von Lena Dražić

  • Eine Pop-Oper wie in der guten alten Zeit.

Lichtgestalt und Bösewicht: José Carreras (l.) in der Auseinandersetzung mit Carlo Colombara.

Lichtgestalt und Bösewicht: José Carreras (l.) in der Auseinandersetzung mit Carlo Colombara.© Herwig Prammer Lichtgestalt und Bösewicht: José Carreras (l.) in der Auseinandersetzung mit Carlo Colombara.© Herwig Prammer

Ein Abend im Zeichen eines Stars: José Carreras bildet den unumstrittenen Mittelpunkt der Oper "El Juez", deren Titelpartie ihm Christian Kolonovits, wie man so sagt, "auf den Leib geschrieben" hat. In der Produktion, die derzeit im Theater an der Wien gastiert, verkörpert Carreras den Richter Federico Ribas, der zwischen den Fronten der Zeitgeschichte zerrieben zu werden droht. "El Juez" (Untertitel: "Los niños perdidos" - Die verlorenen Kinder) behandelt das Schicksal jener Kinder, die im franquistischen Spanien regimekritischen Eltern weggenommen wurden - unter tatkräftiger Unterstützung der katholischen Kirche. Ein Verbrechen, das lange unter Verschluss gehalten wurde und noch immer nicht vollständig aufgearbeitet ist. Manche seiner Nutznießer befinden sich bis heute in Amt und Würden, der bei der Aufarbeitung des Unrechts federführende Ermittlungsrichter Baltasar Garzón wurde mit Berufsverbot belegt.

Mit Dreiklang und Synkope

Information

El Juez
von Christian Kolonovits
Emilio Sagi (Regie), David Giménez (Dirigent),
mit José Carreras u.a.
 Theater an der Wien

Über diesen Stoff hat Christian Kolonovits nun eine Oper geschrieben. Richtig, jener Christian Kolonovits, der 1974 mit dem Song "Hollywood", interpretiert vom österreichischen Duo Waterloo & Robinson, einen Welthit landete. Mit der Polit-Oper hat der erfolgreiche Arrangeur das Genre gewechselt.

Oder auch nicht: Denn die Musik von "El Juez" macht um die Neuerungen des 20. Jahrhundert einen großen Bogen. Kolonovits bewegt sich in der Tonalität, als ob es Darmstadt, ja selbst die Chromatik des Fin-de-Siècle nie gegeben hätte. Angereichert wird das Opernidiom à la Puccini lediglich durch musicaleske Modulationen, poppige Synkopierungen und Reminiszenzen an die spanische Folklore. Ganz wie Filmmusik zielt die Musik, die das Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung des Carreras-Neffen David Giménez bei der Premiere prägnant umsetzte, darauf ab, mit erprobten Mitteln Emotionen zu wecken.

Und daran herrscht in der Geschichte, die Angelika Messner in ihr dichtes Libretto verpackt hat, wahrlich kein Mangel: Da kämpft der Liedermacher Alberto García (schmelzend: José Luis Sola) mit Hilfe der engagierten Reporterin Paula (intensiv: Sabina Puértolas) um die Aufarbeitung der Vergangenheit, während sich eine Äbtissin (ausdrucksstark: Ana Ibarra), die während der Franco-Diktator als unbarmherzige "schwarze Elster" Kinder entführte, beharrlich gegen die Freigabe der Akten sträubt. Die trauernden Angehörigen, souverän verkörpert vom Arnold Schoenberg Chor, bewegen sich im durchwegs konventionellen Bühnenbild von Daniel Bianco, das wie die gesamte Produktion vom Teatro Arriago Bilbao eingekauft wurde und bereits vor zwei Jahren in Erl zu sehen war.

Die Inszenierung von Emilio Sagi ist temporeich und hält - wie auch der Soundtrack und der zwischen Thriller und Melodram changierende Text - den Plot am Laufen. Seinen tragischen Mittelpunkt bildet der Richter Federico Ribas, der sich - manipuliert vom Chef der "Sauberen Hände" (finster: Carlo Colombara) - zwischen allen Stühlen wiederfindet.

Vollprofi José Carreras

José Carreras interpretiert die Figur des konfliktbeladenen Richters als ambivalente Charakterpartie. Anderslautenden Aussagen zum Trotz betonte Intendant Roland Geyer vor Premierenbeginn nochmals, dass es sich dabei um Carreras’ letzte Bühnenrolle handle. Stimmlich hielt sich der betagte Mann immer wieder zurück, um dafür an ausgesuchten Höhepunkten Gas zu geben. Carreras ist eben auch im fortgeschrittenen Alter noch Vollprofi, was das Publikum mit Standing Ovations quittierte. Starkult, könnte man ätzen. Und wenn schon! Gerade er schafft ein Bindeglied zur Tradition, deren nahtlose Weiterführung freilich die "große Erzählung" der Avantgarde untersagt.

Auf genau die pfeift unterdessen Christian Kolonovits. Wer meint, zeitgenössische Musik müsse den aktuellen Stand des musikalischen Materials widerspiegeln, wird "El Juez" als puren Kitsch hören. Allen anderen möge die Feststellung genügen, dass die Oper anhand eines aktuellen Stoffes universelle Fragen behandelt und dabei emotional berührt - auch dank der Musik. Ob ihr der prominente Platz am umkämpften Subventionstrog gebührt, sei einstweilen dahingestellt.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-07-04 17:08:06
Letzte Änderung am 2016-07-04 17:52:32


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