Die Opernfestspiele im Steinbruch St. Margarethen haben zum runden Geburtstag mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen: Von den gesammelten Opernplakaten der Vorjahre im Eingangsbereich sind nur mehr helle Schatten an der Wand zurückgeblieben. Wolfgang Werner hat vor genau 20 Jahren die erste Opernproduktion initiiert, es folgten große Erfolge und 2014 die Insolvenz. Seit 2015 ist eine neue Veranstaltungsfirma am Werk. In der offiziellen Geschichtsschreibung des aktuellen Programmheftes wird Werner zum "Unternehmer aus der Gegend" anonymisiert.

Das neue Team mit Intendantin Maren Hofmeister machte also Tabula rasa. Regisseur Philipp Himmelmann und Bühnenbildner Raimund Bauer haben die Chance beim Schopf gepackt und einen überdimensionalen Wurlitzer auf die kleinere Ruffinibühne der Felsenarena gestellt. Die große Naturkulisse ist heuer den Passionsspielen vorbehalten, somit findet die Inszenierung von "L’elisir d’amore" in einem intimeren Rahmen statt. Der Plattenteller ist eine Drehbühne, hinter der halbtransparenten Wurlitzer-Rückwand sitzt das Orchester. Rock’n’Roll-Tänzer begrüßen das Publikum und entführen in die 1950er Jahre. Die Umsetzung von Donizettis Erfolgswerk lässt optisch eher an das Musical "Grease" denken. Das macht einen leichtfüßigen Umgang mit der Handlung möglich, die in traditionellen Produktionen ziemlich altbacken wirken kann.

Dulcamara, ein Hippie


Die inszenatorische Frische tut der Oper gut: Nemorino ist ein schüchterner Teenie, der sich in die lebensfrohe Adina verknallt. Mit dem Auftritt Dulcamaras kommt es zum Clash der Epochen. In der Version des deutschen Opernregisseurs ist der Quacksalber nämlich ein Guru mit Hippie-Entourage, die mit 60er-Flower-Power die 50er-Petticoat-Idylle gehörig durcheinander bringt (Kostüme: Kathi Maurer). Die kleine Rolle der Giannetta wird mit großer Bühnenpräsenz aufgewertet: Esther Dierkes spielt die heimliche Verehrerin Nemorinos mit umwerfender Komik. Die baskische Sopranistin Elena Sancho Pereg ist eine stimmlich wie darstellerisch agile Adina. Ihr helles, klares Timbre hat sie technisch bombenfest im Griff, am Schluss wünscht man sich auch etwas wärmere Klangfarben. Den Nemorino sang bei der Premiere krankheitsbedingt nicht wie vorgesehen Antonio Poli, sondern Tamás Tarjányi. Der ungarische Tenor stürzt sich mit Verve in die Umsetzung seiner Rolle, sorgt für eine darstellerisch packende Interpretation. Belcanto-Idealen vermag er nicht zu entsprechen, zu ungestüm und wackelig ist seine Stimmführung, zu hart sein Italienisch. Zudem verstärken die Mikrofone gesangstechnische Bruchstellen.

Andrei Bondarenko hat als Belcore in moderner Militäradjustierung zunächst mit Nervosität zu kämpfen. Der Ukrainer bringt mit Fortdauer des Abends seinen voluminösen Bariton jedoch immer besser zur Geltung. Uwe Schenker-Primus erntet als Hippie-Dulcamara viele Lacher. Seine letzten Strophen lallt er, vom eigenen Liebestrank-Wein benommen, virtuos. Dass er von Belcore während der Schlusstakte niedergeschossen wird, macht ihn zum Opfer seiner gegenkulturellen Lebenslust.

Neuerungen gibt es auch beim Bühnensetting: In den Vorjahren war der Chor in St. Margarethen "offstage" und lieferte nur die Klänge für ein Heer an Statisten. Der wunderbare Philharmonia Chor Wien, den man auch von seinen Engagements bei den Salzburger Festspielen her kennt, darf heuer selbst auf der Freiluftbühne agieren. Eine tontechnische Herausforderung, die gemeistert wird. Der deutsche Dirigent Karsten Januschke ist ein Aktivposten der quirligen Inszenierung. Er führt rhythmisch straff und prägnant, belebt Gegenstimmen und versucht dabei den manchmal etwas rauen Klang des Symphonieorchesters des Slowakischen Rundfunks zu glätten.

Dem Team um Regisseur Philipp Himmelmann gelingt mit dieser flotten "Liebestrank"-Umsetzung die Wiederbelebung eines vermeintlich verstaubten Klassikers.

Oper

Der Liebestrank

St. Margarethen, bis 19. August