• vom 08.07.2016, 16:19 Uhr

Bühne

Update: 08.07.2016, 16:53 Uhr

Opernkritik

Amor, der wahre Heilige




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Von Reinhard Kriechbaum

  • Bei der Grazer Styriarte setzt das Wiener Kabinetttheater Glucks "Orfeo ed Euridice" in Szene.

Was hat sich Amor wohl gedacht, scheint Orfeo (Valer Sabadus) da zu fragen. - © Werner Kmetitsch

Was hat sich Amor wohl gedacht, scheint Orfeo (Valer Sabadus) da zu fragen. © Werner Kmetitsch

Das Wiener Kabinetttheater, kultig klein. Wenn dieses zur Styriarte eingeladen ist, noch dazu zu einer szenischen Produktion, dann heißt es: Gewaltig ausbauen! Die Grazer Helmut List Halle als Kabinett fasst schließlich bis zu 1100 Zuschauer, 720 waren es am Donnerstag. Im Fall von Glucks "Orfeo ed Euridice" ist ab ungefähr Reihe sechs das Opernglas gefragt, weiter hinten eher der Zeiss. Ist man so ausgerüstet, dann steht einem genussreichen Abend nichts im Weg. Man darf sich vorbehaltlos freuen, wenn Zerberus, hier ein handsamer Drache, bei Orpheus’ Erscheinen zum Schoßhündchen mutiert. Er liegt dann zu Füßen des krampusartig gehörnten Pluto, der gerade zuvor noch jedes "No" des Furienchors mit einem Lichtblitz im Auge quittiert hat.

Überhaupt diese Unterweltszene: Die grauen 2D-Typen verziehen sich und Farbe kommt ’rein, sogar ein Regenbogen. Ein Goldrahmen wird hochgezogen und in diesem pastoralen Bild schaut ein kommod auf einem Ast lümmelnder Tiger friedfertig herab auf Schafe und Zebras.


Und dazu also die musikalische Szenerie mit Solooboe und sanft girrender Traversflöte... Einer der Vorzüge dieser durch und durch stimmigen Aufführung ist ja, dass Musik und Bild erstaunlich gleichgewichtig gefasst sind. Keine Emotion im Orchester "recreation Barock", die die Miniaturen des Kabinetttheaters an die Wand drückten, aber auch kein übertriebener optischer Firlefanz, der der ausgeräumten Gluck’schen Partitur (man spielt die Parma-Fassung von 1769) widerspräche. Der Dirigent Michael Hofstetter weiß um das rechte Maß und lässt mit akkurat klangrednerischer Geste, aber eben nicht mit überbordendem Ausdrucksdrang musizieren.

Kein Backhendl für Tantalos
Im jungen Countertenor Valer Sabadus hat er einen Orfeo, der dieselben Tugenden umsetzt: ein Sopranist mit weichem Stimmansatz, blendend fokussiertem und in der Klangfarbe wundervoll ausgeglichenem Organ. Zum Herzzerreißen innig klagt er um seine Euridice, während ein Rettungswagen mit Blaulicht über die Miniaturbühne fährt und man in einem anderen Fenster schon sieht, wie das Grab geschaufelt wird. Solche kleinen Pointen machen das Szenische reizvoll. Tantalos fahren Backhendl und Rotweinglas immer haarscharf davon.

Die ukrainische Sopranistin Tatjana Miyus ist die selbstbewusst die nötige Aufmerksamkeit einfordernde Euridice, angesichts deren Vorhaltungen Orfeo deutlich an Volumen zulegen muss (was Valer Sabadus nicht schwer fällt). Die slowenische Mezzosopranistin Tanja Vogrin singt den Amor und spielt auch Harfe im Orchester, eine Doppelbegabung. Das Vocalforum Graz (Einstudierung Franz M. Herzog) setzt mit Disziplin die kontrolliert gehaltenen Affekte um.

Fürs Lieto fine haben die Leute vom Kabinetttheater ein hübsches Aperçu erdacht: In einer Prozession mit vielen Bischöfen wird Amor gehuldigt - da wird er, der von einem Barockaltar gepurzelt ist, zum echten Heiligen erklärt.

oper

Orfeo ed Euridice

Von Christoph Willibald Gluck

Wiener Kabinetttheater (Regie)

Michael Hofstetter (Dirigent)

Styriarte/Helmut List Halle

Wh.: 9. Juli




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-07-08 16:23:12
Letzte Änderung am 2016-07-08 16:53:05


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