Porträtfotos von Miriam Fussenegger füllten vor der Premiere die Coverseiten bunter Magazine. Neue Buhlschaft, neues Glück für die "Jedermann"-Gesellschaft, die auf den Brettern vor dem Dom und jene auf der Tribüne. Die Vorgängerin ist schon vergessen samt ihrer "hautengen Korsage mit einem 32 Meter langen Saum" (Pressetext). Heuer wird die zarte Jugend der Reinhardt-Seminaristin aus Linz, Diplom 2014, beworben. In Salzburg fiel sie 2015 als Ganovenliebchen in der "Dreigroschenoper" auf. Ein Regenguss hielt sie am Samstag von der Domfassade fern. Im Großen Festspielhaus war mehr Neugier auf ihren kurzen Turtelauftritt gerichtet als auf den Kollegen
Jedermann.

Cornelius Obonya schuftet als reicher Stadtbürger - also weißgott kein soziographisch ermittelter Durchschnittsmann - zwei Stunden lang. Mit Knittelvers-Patina und ungezählten Ausbrüchen in einer jähen emotionalen Wende just an seinem Verlobungstag. Obonya soll die kirchentreue Straf- und Gnadenparabel wie eine für Kinder vorgezeichnete Bildvorlage ausmalen. Schon in glaubensfroheren Tagen eine Mutprobe! Gelingt es ihm, ganz nach vorne an die Bühnenrampe zu kommen, entgeht er der verzerrenden Tonverstärkung, da ist er Herr seiner eigenen Stimmkraft, da fühlt er sich frei.

In der Gegenwart angekommen

Tiefer im Bühnenraum, im Bann der nach hinten gerichteten Mikrofone, regieren ihn die Tonregler. Ein bizarrer Dialog mit der würdigen Julia Gschnitzer (man vergisst sie so oft bei der Aufzählung heimischer Langzeit-Thaliadienerinnen) als Jedermanns Mutter: Sie tönt plugged, er unplugged. Beschmiert mit Kirchhoferde wie ein Kohlenträger verbeugte sich der bejubelte Schwerarbeiter. Tags darauf ließ er wissen, dass er Max Reinhardts und Hugo von Hofmannsthals Vermächtnis 2017 in andere Hände weiterreichen wird.

Zu oft waren auf der "Jedermann"-Bühne üppige Reize in mondäner Verpackung ausgestellt. Der genuin österreichische Nachwuchs, ein Präzisions- und Augenwunder, überzeugt mit frischem, federleicht-flattrigem, darum unfassbarem Charme. Keine Unschuld vom Lande, kein neckisches Partygirl. Miriam Fussenegger stellt die "Neue Frau", die moderne, junge, selbstbewusste auf die Schaubühne. Eine, die weiß, ich gehöre ihm nicht, wenn sie sagt "ich liebe dich". Im roten Sportkleid mit locker fallenden Linien (Kostüme: Olivera Jajic), neue Mode der Hofmannsthal-Zeit, eilt sie zum Rendezvous auf dem Fahrrad. Damit überraschten Brian Mertes und Julian Crouch 2013 in ihrer Neuinszenierung.

Ein wohlkalkulierter Gag: Mit ihrem Einritt auf dem Drahtesel kommt ein breites Stilsynkret in der Gegenwart an. Wie schon Hofmannsthal schöpfen Mertes/Crouch aus dem deutschen Mittelalter und Hans Sachs, aus den europaweit seit der Renaissance blühenden Morality-Plays, aus reformatorischen Eifer (Hans Peter Hallwachs als "Glaube" erinnert an Martin Luther) und gegenreformatorischer Barockmanier, aus alpenländischen Teufelsmaskeraden sowie der zeitlosen Vitalität heimatloser Komödianten und Musikanten (hier auch mit Roma-Melodik). Leider verlieren im Saal die Einzüge und Umzüge der bunten Schar viel von ihrem Reiz.

Hofmannsthals dramaturgische Fehlstelle vermochte auch das angloamerikanische Regiepaar nicht auszubügeln. Die Buhlschaft verschwindet nach den längst nicht mehr markerschütternden Je-e-e-dermann-Rufen aus dem Textbuch. Fussenegger kippt, wie vor ihr Brigitte Hobmeier, in ein Blumenbeet weg und bleibt dort eine gefühlte halbe Stunde liegen. Doch hat sich erst die Tischgesellschaft verflüchtigt, schreitet sie unvermittelt in roter Robe mit Königinnenstolz quer über die ganze Bühnenbreite zum Abgang. Haschen nach Sonderapplaus? Solche Liebesgaben der Regie hätte sie nicht nötig. Es rührt sich auch keine Hand.

Der Mammon - ein Komödiant!

Ein zweiter Neuzugang ersetzt den XXL-Krimimimen Jürgen Tarrach als Mammon. Der polyglotte David Bennent ist ein Liebling internationaler Regiegötter und gastierte einmal neben seiner Schwester Anne am Burgtheater. Kleingewachsen, überraschend allemal als Verwandlungskünstler mit clownesker Ader und Stimmmusik. Aus einer Riesenpuppe klettert er in eine quälende Zerrissenheit. Die raumsprengende Vornehmheit eines Duodezfürsten in Frack mit Schärpe und Orden will mit dem ordinären Geldscheißen nicht zusammengehen. In der Jubel-Trubel-Heiterkeit-Applausparade zieht der berühmte Hölderlin- und Beckett-Virtuose wie ein einsamer Unverstandener mit. Standing Ovations.

theater

Jedermann

Von Hugo von Hofmannsthal

Brian Mertes, Julian Crouch (Regie)

Mit Cornelius Obonya, Miriam Fussenegger u. a.

Salzburger Festspiele