• vom 26.07.2016, 16:10 Uhr

Bühne

Update: 19.07.2017, 11:58 Uhr

Salzburger Festspiele

"Sicherheit ist Illusion"




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Von Petra Paterno

  • Nicholas Ofczarek und Michael Maertens über Becketts "Vielleicht" und nicht vorhandene Genregrenzen.

Grundverschieden, deshalb passen sie zusammen: Nicholas Ofczarek (l.) und Michael Maertens in "Endspiel". - © Salzburger Festspiele/Bernd Uhlig

Grundverschieden, deshalb passen sie zusammen: Nicholas Ofczarek (l.) und Michael Maertens in "Endspiel". © Salzburger Festspiele/Bernd Uhlig

Für Ofczarek (l.) und Maertens gibt es keine Werteskala.

Für Ofczarek (l.) und Maertens gibt es keine Werteskala.© R. Newald Für Ofczarek (l.) und Maertens gibt es keine Werteskala.© R. Newald

Salzburg. Sie gelten als das Schauspieler-Traumgespann: Nicholas Ofczarek und Michael Maertens sind nicht nur brillante Schauspieler, auch ihr Zusammenspiel ist brillant. Was sie zu außerordentlichen Publikumslieblingen des Burgtheaters macht, zuletzt gemeinsam in der "Die Affäre Rue de Lourcine" von Eugene Labiche zu sehen. Bei den Salzburger Festspielen werden sie Samuel Becketts "Endspiel" spielen.

"Wiener Zeitung": "Bis zum Äußersten gehen, dann wird Lachen entstehen", so lautet Becketts poetisches Programm. Beabsichtigen Sie, bei der Premiere von dessen "Endspiel" bis zum Äußersten zu gehen?

Nicholas Ofczarek: Bis zum Äußersten? Was darf man darunter verstehen?

Michael Maertens: Natürlich werden wir uns Mühe geben, bis zum Äußersten zu gehen, wenn möglich sogar darüber hinaus.

Ofczarek: Jedenfalls nehmen wir das Stück sehr ernst. Wenn man es liest, ist es poetisch, auch bedrohlich. Es funktioniert nur, wenn man es spielt.

Beckett formulierte, das "Endspiel" sei ein "Spielstück", in dem "viel gelacht" werden solle. Finden Sie das Schauspiel zum Lachen?

Ofczarek: Wann lacht man? Man lacht, wenn man Situationen aus seinem eigenen Leben wiedererkennt. Insofern ist "Endspiel" zum Lachen, weil es ein Stück ist, das vom Menschen an sich handelt.

Maertens: Große Komiker geraten in Situationen, die unangenehm sind. Sie fallen von Leitern, knallen gegen Türen. Lachen entsteht also auch aus Not und Verzweiflung.

"Nichts ist komischer als das Unglück", schreibt Beckett.

Maertens: Wie gesagt: Not und Verzweiflung.

In einem Interview erläuterte der Autor, das wichtigste Wort im Stück sei "vielleicht". Stimmen Sie ihm zu?

Maertens: Ich glaube Beckett das nicht unbedingt. Warum sollte ausgerechnet das Wort "vielleicht" so zentral sein? Es kommt ja nur ein oder zwei Mal vor.

Ofczarek: Beckett lässt aber auch vieles offen, und das ist gut so. Er schafft so eine Form von Utopie. Wir leben in einer Zeit, in der man alles festgelegt haben will, in der man sich nach Gewissheiten sehnt. Sicherheit ist jedoch Illusion. Im Leben ist alles in Schwebe, von Anfang bis zum Ende.

In "Endspiel" geht es auch um das Leben nach dem Untergang. Stimmt uns das Stück im Zeichen der gegenwärtigen Dauerkrise gleichermaßen auf ein Dasein in Ruinenlandschaften ein?

Maertens: "Endspiel" ist ein zeitloses Kunstwerk, fern jeglicher Aktualität. Man konnte es in der Vergangenheit, man kann es heute, und man wird es in 100 Jahren spielen können, an jedem Ort der Welt, in jeder Kultur. Es hat mit Liebe, Tod und Vergänglichkeit zu tun, mit Herr-Knecht-Verhältnissen, Vater-Sohn-Beziehungen. Fragen also, die uns seit Menschengedenken umtreiben und in 5000 Jahren noch beschäftigen werden. Etliche "Endspiel"-Passagen bieten auf den ersten Blick verwirrende Dialoge.

Behagt es Ihnen, wenn Ihnen eine Vorlage wenig Orientierung bietet?

Ofczarek: Wir versuchen, das Stück im Probenprozess gemeinsam zu ergründen. Mein Spiel auf der Bühne hat für mich nichts Wirres, es muss plausibel sein, konkret und klar.

Maertens: Verwirrung kann durchaus in den Köpfen der Zuschauer entstehen. Wir beschäftigen uns aber mit jedem Satz, jeder Pause, jedem Buchstaben.

Sie traten bereits gemeinsam in einigen Inszenierungen auf, zuletzt in "Die Affäre in der Rue de Lourcine" von Eugène Labiche. Komikerpaare auf der Bühne funktionieren über die Unterschiede in Temperament und Wesen. Disharmonieren Sie gut?

Maertens: Wir sind grundverschieden, deswegen passen wir vielleicht so gut zusammen.

Ofczarek: Besonders bei "Endspiel" hilft es, dass man schon viel miteinander gespielt hat. Gerade weil es auf den ersten Blick so schwer zu ergründen ist, braucht man einander.

Loriot sagte einmal über den Humor der Deutschen, dass Komiker auf der Werteskala unten, die Tragöden oben eingeordnet sein würden. Sie beide spielen Komödien und Tragödien. Werten Sie auch?

Ofczarek: Ich wüsste nicht, weshalb ich das tun sollte. Konflikte sind Schauspielerfutter. Egal, ob diese komödiantisch oder tragisch aufgelöst werden. Ich bewerte das nicht. Du?

Maertens: Nein. Man wird aber oft gefragt: Spielen Sie lieber Komödie oder Tragödie?

Ofczarek: Die Antwort lautet: Wir spielen gern gute Rollen.

Maertens: Genau. Der Kraftaufwand, die Angst, das Hürdennehmen sind bei beiden Genres gleich groß.

Ofczarek: Genregrenzen gibt es für mich nicht. Ich will Vielfalt leben.

Maertens: Bei den großen Dramatikern, von Shakespeare über Tschechow bis Beckett, ist ohnehin beides vereint, Komödie und Tragödie, die innerhalb einer einzigen Szene wechseln können: Großer Spaß führt wenige Minuten später in tiefe Abgründe. Die Überlegungen, ob man ein bestimmtes Stück nun als Komödie oder Tragödie bewerten mag, sollen sich Theaterwissenschafter oder Kritiker machen. Das kümmert uns nicht. Wir setzen Handwerk, Fantasie, Talent ein. Damit beschäftigen wir uns.

Gibt es etwas, dass Sie an Ihrem Beruf stört?

Maertens: Je älter ich werde, desto unwürdiger finde ich es, mir alberne Kostüme überzustülpen. Aber auch das gehört zum Job.

Ofczarek: Der Machtmissbrauch, der in unserem Metier leider auch vorkommt, gefällt mir ganz und gar nicht. Aber das stört wahrscheinlich jeden, in jedem Beruf.





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Dokument erstellt am 2016-07-26 15:53:06
Letzte Änderung am 2017-07-19 11:58:38


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