Die Kinder beginnen zu laufen. Mit ausgebreiteten Armen begeben sie sich auf eine Reise. Sie fliegen zum Meer. Dort springen sie ins Wasser. Sie ahmen die Bewegungen der Kraken und Delfine nach. Dann tauchen sie auf und hüpfen über die auf sie zukommende Welle. Es ist Sommer. Gestern war noch Frühling, vorgestern Winter, doch heute ist Sommer im Studio des Dschungel im Museumsquartier. Beim Impulstanz Kinder-Workshop von Maartje Pasman reisen die Kinder durch das Jahr. Am Ende wird jeweils die passende Passage von Vivaldis "Die vier Jahreszeiten" gehört. "Ich höre da ein Gewitter", kommentiert ein Mädchen den musikalischen "Sommer".

Die Kinder-Workshops sind seit den 90ern ein wichtiger Bestandteil des Impulstanz Festivals. Der Dschungel hat sich als besonders geeigneter Partner erwiesen: "Der Dschungel ist als Ort sehr praktisch. Wenn die Kinder dort ’rauslaufen, laufen sie in einen Hof und nicht direkt auf die Straße", erklärt Rio Rutzinger, Workshop-Verantwortlicher von Impulstanz. Die Einführung von Workshops für Kinder, damals noch auf der Schmelz, habe sich eher zufällig ergeben: Erwachsene Teilnehmer hatten Kinder, und man wollte auch für sie etwas anbieten.

Jazzige Mädelspower

Heuer gibt es 16 Workshops für 4- bis 20-Jährige. Für den ein oder anderen Workshop gibt es sogar noch freie Plätze. Die Themen reichen von Schauspiel über afrikanischen Tanz bis hin zu modernen, urbanen Formen des Tanzes wie Hip Hop oder neuerdings Parcours und Pole-Dance. Der zuletzt genannte Workshop ist gut besucht, trotz des ehemals schmuddeligen Rufes. Das Tanzen an der Stange ist jedoch nur ein kleiner Teil des Zirkus-Workshops. Die Stange wird dabei in erster Linie als Fitnessgerät genutzt. Parcours ist prinzipiell nur in der Stadt möglich, denn bei dieser Bewegungsform geht es darum, sich zwischen Betonbauten akrobatisch fortzubewegen. Die Kinder üben dies erst auf einem Spielplatz, denn dort schützt sie ein spezieller Boden vor Verletzungen.

Im Raum nebenan sitzen ältere Mädchen im Kreis und dehnen ihre Beine. In lässigen Tanzoutfits mit Karoblusen um die Hüften bereiten die Teenager ihren Körper auf die Tanzfolgen vor. Am vorletzten Tag wirkt sogar das Aufwärmen wie eine perfekt eingeübte Choreografie. Der Workshop Broadway Jazz ist wie jedes Jahr gut besucht. In einem Musicalmedley zeigen die Mädels zwischen 12 und 16, was sie können. Die Energie der tanzbegeisterten Teenager erfüllt den ganzen Raum. Die Kinder-Workshops sind sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene geeignet. Eine Teilnehmerin sagt: "Ich hatte keine Tanzerfahrung. Es ist toll, was ich in der kurzen Zeit gelernt habe." Ein zweites Mädchen ergänzt: "Ich tanze regelmäßig Jazz, aber hier habe ich es auf eine andere Weise kennengelernt."

Während bei den Erwachsenen die meisten Trainer Künstler sind, die oft nicht pädagogisch vorgehen, kommt es beim Arbeiten mit Kindern doch auf mehr an. "Ein Diplom ist nicht nötig, aber die Trainer sollen Proben- und Stresssituationen mit Kindern bereits erlebt haben", so Rutzinger.

Keine Zurückhaltung

Kreuzt man den Hof, kommt man in ein weiteres Studio. Dort geht es bunt zu. Auf Boden und Tischen verteilt liegen Federn, Pinsel, Farben, Stoffe und bunte Glitzerfolien. Hier werden bereits Kostüme und Requisiten für die Aufführung gebastelt. Die Kinder laufen halb kostümiert durch den Raum. "Am Workshop gefällt mir am besten das Theaterstück, das wir uns selber ausgedacht haben", erzählt ein bis über beide Ohren strahlendes Mädchen. Leiterin Laura Steinhöfel lobt die Offenheit der Kinder: "Es ist wie eine Explosion. Erwachsene würden vorsichtiger oder zurückhaltender sein, Kinder machen einfach drauf los". Gemeinsam haben sich die Kinder eine Geschichte ausgedacht, im Kreis sitzend hat jedes Kind ein paar Sätze beigesteuert. "Das Tolle ist, sie haben einander so gut zugehört, dass eine philosophische, intelligente, lustige, fantastische Geschichte entstanden ist", schwärmt Steinhöfel von der Geschichte mit der Königin, der Zeitmaschine und dem Krokodil. Am Ende jeder Woche wird das Resultat den Eltern in einer kurzen Aufführung präsentiert.

Für Rio Rutzinger liegt der Mehrwert des Tanzens neben der Förderung von Bewegung vor allem in den Begegnungen. Denn bei Impulstanz treffen sich unterschiedliche Menschen außerhalb des gewohnten Umfeldes, in buntgemischten Gruppen. So wurden die noch freien Plätze beispielsweise mit interessierten Flüchtlingskindern aufgefüllt. "Im Idealfall haben die Kinder nach den Workshops entweder neue Freunde oder neue Blickwinkel bekommen", so Rutzinger.