Ja, Katharina Wagner gibt es noch - sie war beim Schlussapplaus auf der Bühne und kassierte für ihre vorjährige Inszenierung von "Tristan und Isolde" die kräftigsten Buh-Salven des gerade abgeschlossenen ersten Durchlaufs der aktuellen Bayreuth-Inszenierungen. Denn "Ring"-Matador Frank Castorf hatte diesmal (Nur zu faul? Oder neuerdings feige?) einfach gekniffen.

Dafür sahnte Christian Thielemann als "Tristan"-Dirigent regelrecht ab. Da der seine Funktion als Musikdirektor der Festspiele ernster nimmt, als vor allem seinen Kollegen lieb ist, und in den Augen vieler Beobachter sein unsensibler Beitrag zur Causa Andris Nelsons (die mit dessen Flucht vor dem neuen "Parsifal" endete) feststeht, kann er dementieren, was man will. Aber den "Tristan", den kann er wie derzeit kein anderer - auf ganz außerordentliche, Maßstäbe setzende Weise. Böswillig könnte man sagen, dass dieser kantige Statthalter Wagners auf Erden das Festspiel-Orchester erst einmal einen "Parsifal", einen "Ring" und als Fingerübung auch noch einen "Holländer" von seinen Kollegen dirigieren ließ, um dann mit dem Nonplusultra-Werk schlechthin zu demonstrieren, zu welchem Klangzauber dieses Orchester in der Lage ist, wenn er es mit seiner Detailverliebtheit und seinen Tempovorstellungen inspiriert.

Stephen Gould war dabei wieder der standfeste Tristan. Die auch in Bayreuth schon als Brangäne bewährte Petra Lang gab an seiner Seite ihr Debüt als Isolde. Dunkel timbriert, etwas kehlig, wie jede Sängerin in dieser Partie immer auch Geschmackssache. Für den Liebestod freilich überzeugte sie mit betörend feinen Tönen restlos.

Georg Zeppenfeld fügte seinem aktuellen Triumphzug (als Gurnemanz und Hundig) nun auch noch einen kraftvoll gegen jedes Altherrenklischee gesetzten König Marke hinzu. Überhaupt ist er heuer einer der Stars der Festspiele! Iain Paterson als Kurwenal und Claudia Mahnke als Brangäne sowie Raimund Nolte als Melot runden das erstklassige Ensemble ab.

Einige starke Regie-Momente

Katharina Wagners Inszenierung hat durchaus ihre starken Momente. Das Schiff der unfreiwilligen Brautfahrt durch ein verwirrendes Treppen-Labyrinth zu ersetzen, in dem Tristan und Isolde von Anfang an aufeinander zustreben und den Liebestrank gar nicht einnehmen müssen, ergibt durchaus Sinn. Die Liebesnacht gleich in einen überwachten Gefängnishof zu verlegen, ist das eine; die scheiternden Ausbrüche über brechende Steigeisen oder der gemeinsame Selbstmordversuch erweisen sich neuerlich als sperriger. Schön bleibt das Liebesduett mit dem Rücken zum Publikum, auch die verlorene Gruppe um den verletzten Tristan, die im dritten Akt wie aus dem Nebel auftaucht, und die für einen Moment imaginierte, unsichtbare Bühne. Wobei man es als augenzwinkernde Selbstironie der Regisseurin verstehen kann, wenn man einmal gar nichts sieht, sondern nur etwas hört.

Nimmt man dann noch Wagners Bonmot ernst, dass eine restlos perfekte "Tristan"-Aufführung die Leute verrückt machen würde, dann haben wir an diesem Abend gerade noch einmal Glück
gehabt.

Oper

Tristan und Isolde

Bayreuther Festspiele

www.bayreuther-festspiele.de

Tel.: 0049/921/7878-780

Wh.: 5., 9., 13., 17. und 22. August