Magie entsteht im Theater nicht unbedingt durch das, was auf der Bühne geschieht, sondern durch das, was man gerade nicht sieht. Die stärksten, die mythischsten Bilder entstehen dabei in den Köpfen der Zuseher. Wenn es Theater gelingt, dieses imaginäre Zauberreich jenseits der Vernunft zu erschaffen und erblühen zu lassen, hat es seine Meisterschaft erreicht. Dann wird der Betrachter zum aktiven Mitkreator einer magischen Welt, ist im Banne des gemeinsamen schöpferischen Augenblickes.

Die Mittel, auf die Regisseurin Deborah Warner bei der "Sturm"-Produktion der Salzburger Festspiele dafür setzt, sind denkbar einfach: die klare Erhabenheit und enorme Wucht von Shakespeares Sprache, ein phänomenales Ensemble rund um den wunderbaren Peter Simonischek als machtvolles und gütiges Auge des Sturmes und gezielte technische - optische wie akustische - Effekte.

Die dicht bevölkerte Geschichte erzählt die Regisseurin direkt, linear und ohne Schnörkel, reduziert auf das Wesentliche. Mit seiner Tochter vor Jahren gestrandet auf einer geheimnisvollen Insel steht Prospero, durch Intrigen entmachteter Herzog Mailands und nunmehr mächtiger Herrscher dieses Zauberreiches, vor dem Augenblick der Rache und Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Den König Neapels und Prosperos Bruder, die für dessen Entmachtung verantwortlich zeichnen, lässt Prospero samt Gefolge nach einem gigantischen Sturm an den Ufern der Insel stranden. Hier sind sie schutzlos seiner Willkür, seiner Magie ausgeliefert. Simonischek zeichnet diesen Prospero als strengen, doch gütigen, allwissenden Vater, der - das Wohl aller vor Augen - mitunter hart durchgreifen muss. Die poetischen Verse Shakespeares erfahren durch ihn Dringlichkeit und Selbstverständnis. Seine Zauberkraft missbraucht dieser Magier nie, am Ziel angelangt begräbt er sie voll Demut und Dankbarkeit. Als seine Feinde im Staub vor ihm kriechen, beschämt er sie durch Vergebung. Sie erfahren in seiner Gnade die größte Strafe. Mit ihrer Schuld müssen sie alleine weiter leben. Wie nebenbei stiften Prospero und sein eifriger Luftgeist Ariel noch die Verbindung zwischen seiner Tochter Miranda (ein berührend stürmisches, unschuldiges Sinnbild der Jugend: Sara Tamburini) und dem Königssohn Ferdinand (tollpatschig feurig: Maximilian Pulst).

Präzise Figuren

Warner ist sehr präzise in der Zeichnung ihrer Figuren, sehr klar in ihren dunklen, starken Bildern. Keine Geste, kein Wort, kein Requisit, das nicht zum Wesentlichen beiträgt. Wunderbar gelingt ihr der Luftgeist Ariel, dem Dickie Beau virtuose wie berührende Transzendentalität einhaucht. Als Symbol der Loyalität und Flüchtigkeit des reinen Geistes ist er eine ebenso gelungene Studie wie der vierte Bewohner der Insel: Mit Jens Harzer als verstörtem, wildem Sklaven Caliban zeichnet sie den Prototyp des auf seine nackten Triebe reduzierten Menschen, der aus der ungezähmten Kraft seiner Wildheit gespeist wird.

Den Zauber und die Zauberwesen, denen die Figuren ausgesetzt sind, bebildert die Regisseurin bewusst nicht. Sie setzt auf die Kraft ihrer Darsteller, die die Auswirkungen des Zaubers so überzeugend spielen, dass er präsent wird. Und sie vertraut auf die strenge wie mysteriöse Bühne von Christof Hetzer, die wie Prosperos Zauberinsel stets neue Überraschungen bereit hält. Die Wildnis als mit Steinen gefülltes Becken, ein tückisches, nasses Moorloch, ein Feuerring als Käfig, großflächige Videoprojektionen - die Mittel sind einfach und doch effektvoll. Sie deuten an, was in der Fantasie stärker wirkt als jede konkretere Umsetzung. Dazu kehrt die Produktion den sprachlichen Schalk in Shakespeare heraus. Die zeitlose Aktualität der Themen - von auf Inseln Gestrandeten, von Machtgier und Güte - weidet sie nicht aus, sondern lässt sie für sich stehen und sprechen. Sie sorgt damit auf der Perner Insel für Theater, das in den Bann zieht, fesselt und berührt.

Die Salzburger Festspiele sind mit dieser Produktion endlich dort angekommen, wo sie seit jeher hinstreben: im Zauber des
Außergewöhnlichen.