"Ängste werden geschürt", sagt Nadja Maleh. - © Moritz Ziegler
"Ängste werden geschürt", sagt Nadja Maleh. - © Moritz Ziegler

"Wiener Zeitung": Sie werden oft als Ethnokabarettistin bezeichnet. Stört Sie das selbst, wenn Sie in solche Schubladen gesteckt werden?

Nadja Maleh: Ich denke, Schubladen lassen sich bis zu einem gewissen Grad nicht vermeiden. Aber wenn man in einer Schublade steckt, in der es einem gut geht, dann macht das wenig. Ich bezeichne mich ja sogar selber als Ethnokabarettistin, weil es einfach das ist, was es ist: Ich spiele mit verschiedenen Nationalitäten, mit verschiedenen Ethnien, mit denen in mir, aber auch mit weltanschaulichen Themen.

Wären Sie nicht halbe Syrerin, sondern ganze Tirolerin, dürften Sie das dann auch ungestraft machen?

Es liegt in der Natur der Sache, dass jemand mit Migrationshintergrund anders an das Thema herangehen darf. Ich denke, wenn ich rein österreichisch wäre, hätte ich wohl gar nicht den Drang, dieses Thema so in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist ja meine Persönlichkeit, so war mein Leben, mit verschiedenen Kulturen, unterschiedlichen Weltanschauungen, Religionen, Sprachen, und trotzdem habe ich gelernt, das Verbindende zu sehen und nicht das Trennende.

Sprechen Sie selber Arabisch und Syrisch?

Schlecht, aber ja, ein bissl schon. Ich habe ja auch immer noch Familie in Syrien. Ein Großteil ist in der Zwischenzeit nach Jordanien gegangen, weil es dort sicherer ist. Ich kommuniziere nicht exzessiv mit ihnen, aber ich habe immer gemerkt, dass meine Familie mich beim nächsten Besuch aufgenommen hat, als ob wir uns nie getrennt hätten. Das ist total blindes Verstehen vom Herzen her.

Wie ist das, wenn Sie nach Tirol kommen?

Auch so. Tiroler und Syrer sind sich da sehr ähnlich. Auch sonst. Sie sind beide sehr stur, beide sehr stolz auf ihre eigene Kultur und ihre Sprache, und beide haben einfach Pfeffer im Arsch.

Wann waren Sie zuletzt in Syrien?

Ein Jahr, bevor der Krieg begonnen hat.

Und wann werden Sie das nächste Mal nach Syrien fahren?

Wann auch immer es wieder sicher ist. Ich habe da nur Wünsche und Hoffnungen, aber keine konkreten Hoffnungen.

Wie denken Ihre syrischen Verwandten über Bashar al-Assad?

Ich spreche mit meiner Familie nicht über solche Themen. Mir ist wichtig, dass sie alle sicher sind. Alles andere lasse ich aus, sonst müsste ich auch mit Grundsatzdiskussionen über Religion anfangen, die ich noch nie geführt habe.

Ihre Tiroler Mutter ist Katholikin, Ihr syrischer Vater Muslim. Welche Religion haben Sie?

Ich bin mit beiden Religionen aufgewachsen. Meine Eltern haben mich aber total mit Religion in Ruhe gelassen. Von der mütterlichen Seite musste ich nie in die Kirche und von der väterlichen nie in die Moschee. Deswegen konnte ich einen sehr gesunden, verspielten Zugang dazu finden. In der Kirche fand ich das Singen toll, mit 14 habe ich islamisch beten gelernt. Ich habe das nie als Zwang oder als Druck erlebt.

Haben Sie Kontakt zu syrischen Flüchtlingen in Wien?

Ich habe sehr viele Benefizaktionen für Flüchtlinge durch Auftritte unterstützt und war auch bei "Train of Hope" mit dabei. Da habe ich auch selber Hand angelegt, das war mir ganz wichtig. Ich habe am Hauptbahnhof Mistkübel ausgeleert, Kleidung an Flüchtlinge ausgegeben und mit ihnen gesprochen, da war es von großem Vorteil, dass ich ein bisschen Arabisch kann. Ich wollte es wirklich selber erleben und mir ein eigenes Bild machen - freilich auch nur einen kleinen Ausschnitt vom Bild.

Und wie sah dieses Bild aus?

Das waren durchwegs verzweifelte, vom Schicksal gebeutelte, ganz normale Menschen.

Sie engagieren sich gegen Gewalt gegen Frauen und Kinder. Können Sie die Ängste vieler Österreicher nachvollziehen, auch in Bezug auf Gewaltdelikte?

Ich denke, es gibt berechtigte und unberechtigte Ängste. Und ich verstehe nicht alle Ängste. Es gibt ein paar Punkte, die wirklich besorgniserregend sind, und die muss man klären. Man muss versuchen, neue Arbeitsplätze zu schaffen, Möglichkeiten suchen, die Kinder zu integrieren. Aber es gibt auch ein paar irrationale Ängste. Wenn es draußen nicht regnet, muss ich nicht Angst haben, dass ich nass werde. Meiner Meinung nach werden diese Ängste auch von den Medien mehr geschürt als aufgeklärt. Wenn wir mehr Zahlen, Daten, Fakten hätten, müssten wir nicht so eine diffuse Angst haben. Und ich denke auch, wenn die Terroristen kommen wollen, werden sie kommen. Es gab ja auch Terrorismus vor den Flüchtlingsströmen. Die Situation ist jetzt, wie sie ist, und wir müssen helfen und anpacken, da gibt es keine andere Möglichkeit. Man kann die Menschen nicht auf hoher See ertrinken lassen oder an einem Grenzzaun sterben lassen, das ist keine Option. Ich wünschte mir, die Politiker würden das humaner und sinnvoller angehen und nicht die Bevölkerung gegeneinander ausspielen. Jeder, der am Hauptbahnhof dabei war, wird die persönliche Erfahrung gemacht haben, dass das ganz normale Menschen wie du und ich sind. Ich sage nicht einmal "nett" oder "gut", sondern "normal".