"Und wofür standen jetzt die Kugeln?" - "Für den Tod." - "Hm. Wahrscheinlich."

Gespräche wie dieses waren am späten Mittwochabend keine Seltenheit. Im Großen Festspielhaus war soeben die Premiere von Gounods "Faust" zu Ende gegangen, und diese letzte Neuproduktion des Salzburger Opernsommers bescherte dem Publikum en masse rätselhafte Schauwerte. Wie die erwähnten Kugeln: Von Statistenhand bewegt, rollten die schwarzen Riesenbälle über die Bühne, während ein reuiger Faust seiner Margarete - diesem gefallenen Mädchen, das letztlich doch noch in den Himmel kommen wird - einen Besuch im Gefängnis abstattet. Wer weiß: Vielleicht standen diese Kugeln ja auch, in einem dialektischen Umschwung, für das ewige Leben. Oder für den Mythos des Sisyphos. Oder für Bowling.

Auge auf Faust

Gesichert ist jedenfalls, dass Reinhard von der Thannen den Abend inszeniert hat. Der 1957 geborene Vorarlberger hat sich in der Bühnenwelt längst einen Namen gemacht - aber nicht als Regisseur, sondern Ausstatter für den Theatermann Hans Neuenfels. War es klug, diesem Bilderspezialisten in den Weiten des Großen Festspielhauses nicht nur das Mandat für Bühne und Kostüme, sondern auch für die Regie zu übertragen? Der Vorarlberger entfesselt seine optischen Fantasien hier jedenfalls so ungehemmt wie abstrakt.

Streckenweise geht das gut: Neben Margaretes Bett, das von Faust und Mephisto erst einmal kühl inspiziert wird, ranken sich Margeriten als poetischer Nachweis von Unschuld. Letztere wird bald flöten gehen: Wie von einem unsichtbaren Kerkermeister bewegt, umschließen Wände die Liegestatt samt dem frischverliebten Pärchen und Kuppler Mephisto. Der stellt hier eine Art Teufelstheatermann dar, dem das Volk - es trägt cremefarbene Kostüme und Clownsgesichter - hinterherrennt.

Die bildnerische Fantasie von der Thannens kann aber auch ins Auge gehen; und das ganz buchstäblich. Warum im Hintergrund ein linsenförmiges Muster prangt, das an das alte ORF-Logo erinnert (gewissermaßen als Auge auf dem "Faust"), man weiß es nicht. Und man erfährt es weder im weiteren Opernverlauf noch im ausufernden Programmheft-Beitrag zur Regie, der in seiner Verweiswut (von Leibniz, Pascal bis Nietzsche und Deleuze) die Vermutung nahelegt, die nächste Inszenierung von der Thannens dürfte wohl Bertrand Russells "Philosophie des Abendlandes" gelten.