Und dann blamiert er sich wieder, der Herr Musiklehrer. Im Rausch der Gefühle hat er ein Poststück völlig verkannt. Leider: Der anonyme Liebesbrief im Dienstbotenzimmer war keine Einladung des schönen Cherubino an ihn. Was Basilio schmerzhaft spät einleuchtet. Davor fasst er sich ein Herz, springt den hübschen Jüngling an - und rutscht an ihm herunter, bis auf den Boden der Blamage. Der listige Brief: Er ist auch in der "Nozze di Figaro" in Salzburg eine Falle des aufmüpfigen Titelhelden für den vielweibernden Herrn Grafen.

Sven-Eric Bechtolf hat in den Vorjahren die drei Mozart/Da-Ponte-Opern sukzessive inszeniert, der "Figaro" ist ihm dabei noch am besten geglückt - was nun, im letzten Sommer des Übergangs-Intendanten, im Rahmen einer Gesamtschau deutlich zutage tritt. Ein engmaschiges Netz an Gesten und Interaktionen reichert die "Figaro"-Figuren mit Charaktertiefe an oder adelt sie, wie im Fall des Musiklehrers, auf der zweistöckigen Bühne (Alex Eales) überhaupt erst zu Persönlichkeiten: eine ausgefeilte Regie, angesichts der sich von einem veritablen Festspielabend sprechen lässt. Und derer gab es heuer nicht allzu viele.

Spaß ist King

Ein Stachel im Fleisch der Festspielgemeinde will aber auch dieser "Figaro" nicht sein. Eher ein hübsches Amüsement im Haus für Mozart. "Vintage" (auch "Retrolook" genannt) ist seit Jahren nicht nur im Bobo-Lokal auf dem Vormarsch, auch auf der Opernbühne. Das weiß dieser "Figaro", der in die TV-Serien-Ästhetik von "Downton Abbey" geschlüpft ist (und sogar die Titelmelodie kurz anklingen lässt). Elegant zwischenkriegsenglisch, tragen Graf und Hof Schirmmütze, Strohhut oder Reiterstiefel, lassen sich, puff!, von einem Ungetüm namens Photoapparat ablichten oder erfreuen sich am Grammophon. Überhaupt ist Spaß hier King. Herr Graf stellt keinen unsympathischen Sexdespoten vor, eher einen patscherten Pantoffelhelden. Im Bedarfsfall kann er sich (Luca Pisaroni) aber auch männlich in die Sängerbrust werfen.

Tonangebend ist (wider die Hierarchie) aber Adam Plachetka - ein fülliger Figaro in Ton und Bild wie bei der Vorjahrespremiere. Der Rest des Ensembles, ebenso fast unverändert, bürgt für eine solide Mozart-Abwicklung: Anett Fritsch spannt elegante Legato-Bögen, lässt die Grandezza einer Figaro-Gräfin aber vermissen; Margarita Gritskova (Cherubino) wirbelt nicht nur durch die Szene, sondern auch feine und herbe Klänge durcheinander; Carlos Chausson erstaunt als volltönender Bartolo, Anna Prohaska leider als Fremdkörper: Neu eingestiegen in die Produktion, klingt ihre Susanna eher nach Kunstlied denn Oper und auch öfters zu tief.

Alles in allem kein "Mozart-Ensemble", aber profan gesagt: ganz okay. Was auch für Dirigent Dan Ettingergilt. Der hält das Publikum nach seinem "Figaro"-Lüfterl von 2015 mit einer Fülle von Akzenten wach, begünstigt so aber auch Wackelkontakte in den Reihen der Wiener Philharmoniker.