Unheimliches und Fürchterliches: Florian Teichtmeister und Gerti Drassl in der Josefstadt-Uraufführung von "Niemand". - © Jan Frankl
Unheimliches und Fürchterliches: Florian Teichtmeister und Gerti Drassl in der Josefstadt-Uraufführung von "Niemand". - © Jan Frankl

Ödön von Horváth gehört zu den bedeutendsten österreichischen Dramatikern. Seine Stücke begeistern immer noch, stehen regelmäßig auf den Spielplänen - und wurden innerhalb weniger Jahre verfasst. Seine Karriere verlief steil und endete jäh: 1931 wurde in Berlin "Geschichten aus dem Wiener Wald" uraufgeführt, der Bühnenhit katapultierte ihn über Nacht zum Shooting-Star. Schlag auf Schlag folgten "Kasimir und Karoline" und "Glaube, Liebe, Hoffnung". Zeitgenossen erkannten in ihm den schärfsten Konkurrenten für Bert Brecht.

Zwei Jahre später war der Autor in Nazi-Deutschland unerwünscht, kaum eine Bühne wagte es noch, eines seiner Stücke zu spielen. 1938 wurde er im Pariser- Exil von einem herabstürzenden Ast erschlagen, da war er 36 Jahre alt.

"Nicht alltäglich"


Über Horváths Frühwerk weiß man nur wenig. Dass jüngst ein noch unveröffentlichtes Stück mit dem Titel "Niemand" auftauchte, ist daher eine theaterhistorische Sensation. Das Theater in der Josefstadt eröffnet die neue Spielzeit am Donnerstag (1. September) mit der Uraufführung des skizzenhaften Mietshausdramas, Intendant Herbert Föttinger inszeniert die Tragödie in sieben Bildern aus dem Jahr 1924. Weitere Aufführungen in Berlin und Linz sind geplant.

Wie kam es zu diesem Überraschungsfund? 2015 bot das Berliner Auktionshaus J. A. Stargardt unter der Losnummer 133 den unbekannten Horváth-Text an: eine 95-seitige Hektografie, ein maschinengeschriebener Text mit einigen handschriftlichen Bemerkungen. Am 25. März vergangenen Jahres nahm Kyra Waldner, Mitarbeiterin der Handschriftensammlung der Wienbibliothek, telefonisch an der Auktion teil - und erhielt für 11.000 Euro den Zuschlag. "Es war eine Überraschung, wir haben mit einem viel höheren Preis gerechnet", sagte Waldner im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Nachsatz: "Das war kein alltäglicher Ankauf." Eine knappe Stunde später, so Waldner, läutete bereits das Telefon und Bühnen bekundeten Interesse an dem seltenen Fund.

In den 1990er Jahren wurde der Horváth-Nachlass von der Wienbibliothek und der Nationalbibliothek erworben. Unter Leitung des Germanisten Klaus Kastberger wird derzeit eine 19-bändige historisch-kritische Edition herausgegeben. Seit geraumer Zeit gelangte kaum mehr etwas von Horváth auf den Markt. Der Autor galt als lückenlos erfasst. 2006 tauchte nun das "Niemand"-Manuskript bei einer Auktion auf. Unbemerkt von den großen Literaturarchiven erwarb ein privater Käufer das Stück zu einem Schleuderpreis und entschied sich, das Fundstück wieder zu veräußern.

Bis jetzt wurden dazu weder Werknotizen noch Hinweise in der Korrespondenz gefunden. Namentlich erwähnt wurde das Stück nur in der 1980 veröffentlichten Horváth-Biografie "Kind seiner Zeit". Autor Traugott Krischke zitiert darin Ödöns jüngeren Bruder Lajos, der sich an ein nicht veröffentlichtes Stück in expressionistischer Manier erinnerte.

Im Werkverzeichnis des Berliner Verlags "Die Schmiede" wird "Niemand" im Jahr 1924 aufgelistet. Der Avantgardeverlag existierte von 1921 bis 1929 und verlegte von Franz Kafka über Alfred Döblin bis hin zu Joseph Roth namhafte Autoren, bis er in die Insolvenz schlitterte. Warum das Stück seinerzeit weder veröffentlicht noch aufgeführt wurde, darüber lässt sich derzeit nur spekulieren.

Wie ein Vorspiel


Möglich wäre, dass der Verlag bereits zahlungsunfähig war. Es könnte aber auch sein, dass der Autor selbst die Veröffentlichung nicht forcierte. Schließlich ist bekannt, dass Horváth viele seiner frühen Texte, er publizierte seit 1920, vernichtete.

An sein erstes Tanztheater "Das Buch der Tänze" (1922) wollte Horváth, so sein Biograf, zeitlebens nicht mehr erinnert werden. Sein zweiter dramatischer Versuch, ein historisches Schauspiel mit dem Titel "Dósa", blieb Fragment. Sein erstes abgeschlossenes Stück, "Mord in der Mohrengasse" (1923), wurde erst 1980 uraufgeführt. Ähnlich wie "Niemand" vereint es Schauplätze, Figuren und Motive aus seinen Erfolgsstücken, aber die sprachliche Durchschlagskraft fehlt noch. Auch wenn "Niemand" kein geschliffener Horváth sein mag, spürt man dennoch die Dringlichkeit in den Geschichten, in denen Krüppel und Huren, Unglücksfälle und Zufälle eine tragende Rolle spielen.