"Tuuut", hallt der disharmonische Klang des Muschelhorns über die Dächer der ehemaligen Kabelfabrik. Eine Art mürrischer, rundlicher Tubaengel mit Paillettenkleid, Lockenperücke und Djembe führt das Publikum zum oberen Saal des Werk X. Dort wird die Menschenmenge sich selbst überlassen. Wir befinden uns nämlich bei der Uraufführung von "Opera of Entropy", von den Machern Thomas J. Jelinek und Jorge Sánchez-Chiong auch als "installative Musik-Performance" bezeichnet.

Aber was genau heißt eigentlich "Entropie"? Je nachdem, ob der Begriff in der Thermodynamik oder der Informationstheorie gebraucht wird, werden darunter so unterschiedliche Dinge wie das Maß für die Irreversibilität von Prozessen oder der Erwartungswert des Informationsgehalts von Wahrscheinlichkeiten verstanden. Gerade, weil das so aufreizend undurchsichtig klingt, haben Feuilleton und Sozialwissenschaften an diesem Begriff wohl einen besonderen Narren gefressen. Hier wird er gerne als Chiffre für alle Phänomene der Gegenwart verwendet, die irgendwas mit Unordnung und Zerfall zu tun haben. Und unordentlich geht es bei "Opera of Entropy" wahrlich zu: Schon beim Betreten des Raumes wird die Besucherin von Information nur so überflutet. Wie auf einem postdramatischen Jahrmarkt stellen "Experten" Wissen zur Verfügung. Im informellen Gespräch kann man sich die Formel für Entropie erklären und von einer syrischen Aktivistin ihre Fluchterfahrung schildern lassen oder gleich selbst ein neurowissenschaftliches Experiment durchführen. Man kann sich aber auch etwas auf den Unterarm klebe-tätowieren lassen (geht nach vier Tagen wieder ab) und Musiker wie Sánchez-Chiong oder Pit Noack fasziniert dabei beobachten, wie sie altmodische Klangspeichergeräte auf einfallsreiche Art zweckentfremden.

Dabei ist es nie bloß eine Schallquelle, die das Ohr erreicht, sondern die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Klangerzeuger. Wenn Sánchez-Chiong an den Turntables ein wahres Feuerwerk an Geräuschpartikeln entfacht, klingt das oft chaotisch und heterogen. Anders als im traditionellen Opernverständnis ist die Musik - oder besser: das Akustische - auch nicht die Hauptsache, sondern bloß ein Teilaspekt jener Reizüberflutung, mit deren Hilfe "Opera of Entropy" nicht so sehr von Entropie handelt, wie sie sie als ästhetische Erfahrung selbst erzeugt.

Anspruch virtuos eingelöst

Das ergibt kein Ganzes, auch wenn sich das Geflecht an Eindrücken, bei dem man vieles ein bisschen, aber nichts so richtig versteht, an mehreren Stellen verdichtet und die Aufmerksamkeit auf bestimmte Teilbereiche lenkt. Die "radikalen Noise-Oper", mit der die zweite Ausgabe der Musiktheatertage eröffnet, spielt mit der Erwartung. Wir haben gelernt, das Geschehen in einer Oper als Fiktion zu behandeln. Doch die Aktivistin war wirklich im Gefängnis. Und es wäre doch gelacht, wenn man die gottverdammte Formel, die der Mathematiker (er ist wirklich Mathematiker, nicht bloß Schauspieler) da auf die Tafel schreibt, nicht schließlich doch noch verstehen würde. Den Anspruch, den Thomas J. Jelinek an eine zeitgemäße Oper stellt - nämlich die Verschränkung aller verfügbarer Kunstformen und Technologien -, löst "Opera of Entropy" auf virtuose Weise ein.