Jetzt ist er wieder da! Begrüßungsapplaus im Landestheater Salzburg am Samstag für Matthias Hartmann, Burgchef 2009 bis 2014, heute künstlerischer Leiter von "Servus-TV". "Die Räuber. Ein Trauerspiel", so der Titel 1782. Dennoch wünscht der Multimediamann den Premierengästen "Gute Unterhaltung!" In seinen "Räubern nach Friedrich Schiller" stehen Schauspieler höchstselbst auf der Bühne. Ihnen werden voraufgezeichnete Spielszenen mit den Promis Harald Serafin (sagt als treuer Diener gleich dazu, dass er 82 ist), Tobias Moretti (Pfarrer mit Gert-Voss-Stimme) und Friedrich von Thun (gutmütiger Familienonkel wie immer) zugespielt. Dazu abgefilmte Park-, Wald- und Feudalkulissen (Leopoldskron). Mischpulttheater! Für Studioverfilmungen von Theaterstücken nicht neu. Doch in Echtzeit Live und MAZ auf ein Sendeband zu bannen ist ein logistisch-technischer Kraftakt. Red Bull widmete ihn der Volksbildung.

Freilich für den üblichen Preis der Banalisierung. Claus Peymann holt den 1995 erst 32 Jahre alten Hartmann für Schillers "Räuber" ans Burgtheater. Schräges Podium, strenge Bilder, Figurenführung und Sprechkunst vom Allerfeinsten, vier Stunden lang. Mit 53 strich nun Hartmann für den Bildschirm – und Kurzgastspiele in Wolfsburg, Hamburg und im Wiener Volkstheater - das Sturm-und-Drang-Schulexempel auf knappe eineinhalb Stunden ein. Sprachartistisch erwies sich Schiller den Großmeistern Shakespeare und Nestroy – ja! - nie anverwandter als in den "Räubern". Im Interview gab es Hartmann billiger: "Der blutjunge Schiller war noch ganz sprachverbohrt. Die Sätze sind schwierig zu kauen. Im TV ist nicht alles nacherzählbar".

Komplizierte Abläufe lenken ab

Eingangs wird aus Memoiren von der Mannheimer Uraufführung zitiert: "Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum!" So viel Erregung würde heute überraschen. Rasche Bewegungen der Handkameras, suggestive Anreden an die Zuschauer und schnelle Schnitte bauen Spannung auf. Doch im Theaterraum okkupiert die Beobachtung der komplizierten Abläufe, des "Wie wird’s gemacht?", zu viel Aufmerksamkeit. Während etwa Franz Moor vor einer unigrünen Stellwand – zur farbbasierten Bildfreistellung (chroma keying) - spricht und gestikuliert, ist "die Kanaille" zeitgleich mit seinem Vis-à-vis, dem Altvater Moor, hinterm Schreibtisch auf dem Videowall (daheim am Bildschirm) zu verfolgen. Immer zwei Bilder vor dem Kopf: ein fertiges und ein Halbfabrikat. Das strengt an und macht nur dem Theater- und Medientheoriegewerbe Freude. Ein Thema für die nächste Dissertation: Hat Hartmann die Castorfsche Videomania höhergeschraubt? Auch die Mischung Licht-Video-Ton des Deutsch-Iraners Parviz Mir-Ali ist rekordverdächtig.

Illusion – Desillusion: Den Realismus, die Naturtreue zu brechen, ist Uraltprogramm der Moderne. Desillusion, wenn ein Büroventilator das Haar der Amalie (Coco König) zum Flattern bringt. Illusion wie im Bilderbuch: Ein Pappendeckeldörfchen mit Fachwerkhäusern im Maßstab 1:50 wird auf der Bühne abgefackelt. Desillusion schleißig komisch auf die Spitze getrieben: Franz Moor soll sich nicht mit dem Hutband um seinen Hals aus der Welt schleichen dürfen, sondern von des Schlosses Zinne springen. Realitätsmischkulanzen, auf populistische Effekte getrimmt.

Verkehrherum inszeniert

Der Intrigant Spiegelberg (Nico Ehrenteilt) übt sich zugleich als fleißiger Erzähler der Story, auch Emanuel Fellmer (als Franz ein schmieriger Bonvivant) und Laurence Rupp (als Karl in Sprache und Mimik Tagesmeister) überbrücken so gestrichene Handlung. Und ebenso Bleistiftzeichnungen, scheinbar rasch hingekritzelt. "Roller ist tot, ich spiele jetzt einen anderen Räuber", sagt Wolf Danny Homann. Alle Wüteriche in Böhmens Wäldern sind Studenten aus dem Mozarteum. Mit guten Gesichtern. Nach einer Anfangsstarre in einer Schenke wie in einem Bahnhofswartesaal bringen sie Leben ins technizistische Aggregat. Das wilde Räuberleben schaukeln sie auf zum stolzen Gangsta Rap.

Als Junger stürmisch-drängend, mit den Jahren ein Klassikaner. So das Regelcurriculum. Matthias Hartmann inszeniert "Die Räuber" verkehrtherum. Vielleicht kommt er wieder auf die Breitspur zurück.