Chaos der Körper: Alain Platels vertanzter Gustav Mahler. - © Chris van der Burght/Ruhrtriennale
Chaos der Körper: Alain Platels vertanzter Gustav Mahler. - © Chris van der Burght/Ruhrtriennale

Nach dem Erfinder der Ruhrtriennale Gerard Mortier und seinen Nachfolgern Jürgen Flimm, Willy Decker und Heiner Goebbels ist Johan Simons der fünfte Dreijahresintendant, der das Ruhrgebiet für einige Wochen auf besondere Weise als Kulturregion leuchten lässt. Hinter dem 70-jährigen Niederländer liegt die Intendanz der Kammerspiele in München, vor ihm die des legendären Schauspiels in Bochum, was eine ziemlich erstaunliche deutsche Karriere ist.

Für "Die Fremden" in der Kohlenmischhalle der Zeche Auguste Victoria in Marl liefert die Halle selbst die packendsten Momente. Genau in der Mitte des Abends erklingt "Bouchara" (1981) von Claude Vivier. Ein Sopran-Solo, dessen erfundene Fantasiesprache vom Asko-Schönberg-Orchester unter der Leitung von Reinert de Leeuw mit Inbrunst begleitet wird, während sich die riesige Kohlenmischmaschine dahinter in die Tiefe der Halle bewegt und einen grandiosen Theatereffekt liefert. Mit den Musikern als dämmrig beleuchteter Insel in einem funkelnden (Kohlen-)Staubmeer von beklemmender Leere. Hier hat Bühnenbildner Luc Goedertier einfach zugegriffen. Auch die Musik davor und danach passte in diesen Raum. Davor Teile aus Mauricio Kagels "Die Stücke der Windrose". Danach György Ligetis Kammerkonzert (1969-1970) und die Soundscapes von Wouter Snoei. Diese Musik entfaltet zusammen mit den eingespielten Videos von Aernout Mik Assoziationsräume, die herausfordern. Mit dokumentarischen Bildern aus der Zeit der Loslösung Algeriens aus der französischen Kolonialherrschaft. Und dann mit den vor Ort nachgestellten Szenen aus einer Flüchtlings-Massenunterkunft von heute, die dem Motto folgen: Stellt euch vor, ihr selbst wäret im Aufnahmelager und würdet von Beamtinnen mit Kopftuch so behandelt, wie es dort üblich ist. Die Botschaft dieses aufwendig gemachten Films ist klar, wird aber dann doch überdeutlich ausgestellt.

Verbale Kraftakte, die Behauptung bleiben

Das Problem des Abends ist die eigentliche Geschichte, die Simons’ bunte Truppe zu erzählen versucht, wenn sie nicht vom Kampf mit dem Kohlendreck, der Weite der Halle und der deutschen Sprache davon abgehalten wird. Zugrunde liegt "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung" (2014) von Kamel Daoud. Der von Fundamentalisten bedrängte algerischen Autor bezieht sich auf Albert Camus’ Klassiker "Der Fremde" und gibt dem dort ermordeten, namenlosen Araber den Namen Moussa und eine Geschichte. Sein Bruder Haroun spricht mit gleich fünf verschiedenen Stimmen. Aber sie finden keine Form für die Sprache und damit die Geschichte, der sie dann doch nur hinterherrennen. Die verbalen Kraftakte bleiben Behauptungen. Als Regisseur lässt Johan Simons damit anderen den Vortritt.

So wie dem Triennale-Stammgast Alain Platel. Der ist diesmal in der Jahrhunderthalle in Bochum mit seinem Gustav-Mahler-Projekt "nicht schlafen" zum vierten Mal mit von der Partie. Musikalisch ist das ein "Best of" quer durch die Mahler-Symphonien. Natürlich mit dem "Tod in Venedig"-Adagietto aus der Fünften und Nietzsches "Oh Mensch! Gib acht!" aus der Dritten. Steven Prengels hat eine Tonspur arrangiert, die sich zu einem Ganzen fügt, genug Distanz zur Konzertsaal-Andacht wahrt und den Ausbruch in die archaische Urgewalt der Bewegung, den die zwei Afrikaner mit authentischem Charisma einfügen, zulässt und wieder einfängt. Was die eine Tänzerin und ihre acht männlichen Kollegen zu der spätromantischen Musik mit ihrer Katastrophen-Vorahnung entfesseln, ausbrechen lassen, dann wieder fast zärtlich domestizieren, setzt sich zu Mahlers Pathos des Untergangs und der Erlösung allemal in ein Spannungsverhältnis. Folgt als Bewegung dem Impuls der Musik, bricht als gruppendynamische Aktion den hohen Ton, dreht sich um Eros und Tod. Den Raum hat Berlinde De Bruyckere archaisch grundiert: mit drei Pferdekadavern vor einer riesigen zerschlissenen Plane. Also kein Tanz um ein goldenes Kalb, sondern um Symbole der Vergänglichkeit und des gewaltsamen Todes. Doch der Grundton des Lebens und der Lust bleibt, auch wenn der Hirtenstab in einer Hand es nicht vermag, einer Herde zu gebieten. Es fängt mit Rempeleien an, dann fallen sie übereinander her, bis die Fetzen fliegen und keiner mehr ein ganzes Kleidungsstück am Leib hat. Im Schweiße der Erkenntnis über das Wesen des Menschen fliehen sie voreinander, treiben dann wieder aufeinander zu, suchen Nähe, verknoten sich. Dabei rennen sie scheinbar chaotisch durch den Raum und lassen mit klassischen Tanzfiguren Sehnsucht nach Form aufblitzen, fügen sich in die Ordnung eines gleichförmig bewegten Ensembles.

Das Wetterleuchten in Gustav Mahlers Musik

Platel illustriert nicht und erzählt auch keine Geschichte, lässt sich aber von Mahler unmittelbar inspirieren. Der Blick auf Philipp Bloms Buch "Der taumelnde Kontinent" schärfte ihm das Ohr für das Wetterleuchten in Mahlers Musik. Es gehört zu den eher unheimlichen Erkenntnissen des Abends, wie gut jene Befindlichkeitsmusik aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in die gefühlte europäische Malaise von heute passt. Dem Titel "nicht schlafen" fügt dieser Abend jedenfalls ein aufforderndes Ausrufezeichen hinzu.

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Die Ruhrtriennale läuft noch bis 24. September; www.ruhrtriennale.de