Das Märchenhafte des Stoffes wird ausgereizt. - © Alexi Pelekanos
Das Märchenhafte des Stoffes wird ausgereizt. - © Alexi Pelekanos

Es begann "vor vielen, vielen Würfelwürfen". Ein Märchen? Beinahe. Menschen an einem Spieltisch: Es wird gezockt, gelacht, gesungen, während Rauchschwaden den Raum durchwandern und in ein gedämpftes Licht hüllen. Allabendlich dasselbe Glücksspielszenario - das Leben selbst. Dann gelingt der große Wurf in Form von Nachwuchs Alexandar (Stanislaus Dick).

Wir befinden uns am östlichen Rand Europas, erzählt wird Ilija Trojanows Geschichte "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall", die zu einem großen Teil autobiografisch ist. Zentral steht darin die Flucht aus der sowjetischen Diktatur in den "goldenen Westen", der beschwerliche Weg an sich, auch aber die Schwierigkeiten, die das Leben anschließend für die Geflüchteten bereithält.

Alexandar Luxow und seine Eltern sind diese Flüchtenden. Nach einem Aufenthalt im Flüchtlingsheim Pelferino und dem Unfalltod seiner Eltern zieht es den haltlosen Alexandar nach Deutschland, wo er als Übersetzer sein Dasein fristet, elternlos, freudlos, heimatlos. Erst als sein Patenonkel (Johannes Silberschneider) ihn Jahre später aufsucht, bei ihm schlicht "Oblomowitis" diagnostiziert und ihn aufs Fahrrad zwingt, bricht die Vergangenheit aus ihm heraus und er in die Welt auf.

Stille Momente wirken doppelt


Die Bühnenversion in der Inszenierung von Sandy Lopičić reizt das Märchenhafte aus und dringt mit atmosphärischen Bühnen- und Klangbildern ins Bewusstsein der Zuschauer. Die Bühne dreht sich unermüdlich, und vier Musiker (Matthias Loibner an der Drehleier, an den Geigen die Strottern, an der Percussion Maria Petrova) begleiten die Szenen andachtsvoll mit selbst entworfenen Klangmustern: zurückhaltend und von präziser Schönheit. Dabei schaffen sie es, gleichzeitig omnipräsent und doch im Hintergrund zu bleiben. Es ist neben der schauspielerischen Leistung auch ihnen zu verdanken, dass das Stück - trotz spärlicher handlungstragender Szenen - ständig in Bewegung zu sein scheint und vorerst keine Langatmigkeit aufkommt. Die stillen Momente wirken doppelt, wenn die Musik plötzlich ausbleibt.

Doch trotz aller Liebe zum Detail - oder gerade deswegen - geht der Blick fürs Ganze ein wenig verloren: Es fehlt der Inszenierung (vor allem in der zweiten Hälfte) an Stringenz. Manche Szenen wirken improvisiert und künstlich in die Länge gezogen, so die "Radio Asyl"-Szene im Asylantenheim, die sich über ganze zwanzig Minuten erstreckt, jedoch unterm Strich trotz der schauspielerischen Sogwirkung eines Tim Breyvogel nichts hergibt außer der Information, dass man sich eben in einem Flüchtlingsheim befindet und Politiker vor den erbärmlichen Zuständen die Augen verschließen. Man kann sich als wohlwollender Zuschauer hier zwar noch mit der Interpretation retten, dass der unnötig lange Aufenthalt im Asylheim und die Langeweile so veranschaulicht werden sollen, andere Szenen hingegen verweigern sich dieser Deutungsmöglichkeit.

Gegen Ende driftet die Aufführung ins Klischeehafte ab, wenn der Patenonkel, den Arm um die Schultern seines Zöglings gelegt, den Blick bedächtig in die Ferne gerichtet, mit "Weißt du, mein Kind..." zum moralischen Diskurs anhebt.

Die Schwierigkeiten des Teams, den Roman theatertauglich zu machen, blinzeln immer wieder durch, und während das gelungene Bühnenbild (Michael Köpke) das Wohlwollen des Publikums erobert, lässt sich der unterschwellige Eindruck von Chaos nicht abschütteln. Es hätte ein großer Wurf werden können, hätte man sich nur genauer überlegt, wo man eigentlich hin möchte.

theater

Die Welt ist groß und Rettung lauert überall

Nach Ilija Trojanow

Sandy Lopičić (Regie)

Landestheater Niederösterreich