Am 12. Oktober feiert der deutsche Kabarettist Christoph Sieber mit seinem aktuellen Programm "Hoffnungslos optimistisch" im Stadtsaal Wien-Premiere. Ein Programm, das besonders gut nach Wien passt, wie Sieber im Interview feststellt. Und dessen Titel eigentlich jeden betrifft.

"Wiener Zeitung": Ihr aktuelles Programm trägt den Titel "Hoffnungslos optimistisch" – sind Sie selbst jetzt mehr hoffnungslos oder mehr optimistisch?

Christoph Sieber: Tja, das ist eine schwierige Frage. Aber genau in diesem Spannungsfeld bewege ich mich. Mal bin ich morgens hoffnungslos, mal bin ich optimistisch. Aber hoffnungslos, würde ich sagen, ist ja momentan auch das Lebensgefühl der Österreicher, wenn man die Bundespräsidentenwahl anschaut. Und überhaupt speziell das Lebensgefühl der Wiener. Deshalb passt mein Programm ja gut hierher,

Es gibt den Spruch: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst . . .

Die Lage ist natürlich ernst. Das müssen wir weltweit sehen. Die Lage der Demokratie ist schwierig, die Lage in Europa ist schwierig, an der EU-Außengrenze lassen wir Menschen ersaufen, wir machen Deals mit Autokraten und Diktatoren, nur um uns die Flüchtlinge vom Hals zu halten, die Rechten werden überall stärker. Es wird Zeit, dass die Anständigen das Wort ergreifen.

So wie Sie in Ihrem neuen Programm?

Ja, ich gebe mein Bestes.

Was darf man erwarten? Haben Sie den Text für Österreich umgeschrieben?

Ich denke, dass wir uns beide an der gleichen Nase nehmen müssen, auch wenn wir gern tun, als wären wir so unterschiedlich. Im Prinzip sind ja die Österreicher die besseren Deutschen. Seit vielen Jahren sind Sie voraus, auch der Rechtsruck war zuerst in Österreich, und jetzt erst zieht Deutschland nach. Wir haben den Anschluss europaweit verloren, wir waren einmal führend, was die rechte Gesinnung betraf, und da haben wir einen enormen Rückschritt gemacht, Gutmenschentum hat sich breitgemacht. Aber Scherz beiseite: Natürlich wird es auch ein paar Österreich-spezifische Spitzen geben, aber ich werde mich hüten, mich in die österreichische Politik einzumischen, da kenne ich mich zu wenig aus. Aber es geht letztendlich um ein Lebensgefühl, das wir haben – oder das wir nicht mehr haben. Ein abhandengekommenes Gefühl der Sicherheit, ein Gefühl der Heimatlosigkeit.

Glauben Sie Ihrer Kanzlerin noch, wenn sie sagt "Wir schaffen das"?

Für mich hat die Politik schon seit langem an Relevanz verloren. Für mich ist der Bürger wichtig.

"Wir" sind ja alle Deutsche.

Ja, natürlich schaffen wir das. Letztendlich müssen wir uns an ein Gefühl gewöhnen: nämlich dass diese Zeit vorbei ist, dass wir von der Situation in der Welt profitieren, dass wir in Wohlstand leben und andere darunter zu leiden haben. Finanzminister Wolfgang Schäuble hat das so formuliert: "Das ist unsere Begegnung mit der Globalisierung." Und die findet momentan statt. Es gibt kein Zurück mehr in die Zeit, in der wir angeblich nicht wussten, was unsere Art zu leben für Auswirkungen in der Welt hat. Wir haben Regionen destabilisiert, nur um unsere Interessen durchzusetzen. Es ging nie um Menschenrechte oder Frieden, das wurde uns nur jahrelang erzählt. Ich finde, dieses "Wir schaffen das" ist insofern total irrelevant, weil die deutsche Bundesregierung alles tut, damit wir das nicht schaffen. Sie streitet untereinander Selbst die Schwesterparteien CDU und CSU sind zerstritten, dabei geht es doch um ganz konkrete Hilfe für die Menschen. Die Abgehängten der Welt – und auch die Abgehängten in den europäischen Staaten und in Deutschland – hat man jahrelang vergessen und ignoriert. Und jetzt wundert man sich plötzlich, dass die rechts wählen. Warum sind die Gelder, die vorher nie da waren, jetzt plötzlich da? Es ist eine Frage der Gerechtigkeit. Wir haben keinen Kampf Rechts gegen Links. Es geht nicht um Gutmenschen gegen AfD-Wähler, sondern es ist ein Kampf Oben gegen Unten und Arm gegen Reich, und zwar weltweit. Und wenn wir diesen Konflikt nicht lösen können, wird uns das Ganze um die Ohren fliegen.

Die AfD ist also nicht das Problem, sondern das Symptom, das ein Problem aufzeigt?

Ja genau. Letztendlich hat die AfD ja selbst keine Lösungen. Und auch die Wähler erwarten das nicht. Ich weiß nicht, wie es bei der FPÖ ist, aber wahrscheinlich genauso. Da muss sich die Demokratie fragen, wie es dazu kommt, dass diese Parteien solchen Zulauf bekommen. Und zwar nicht nur aus der Unterschicht, sondern auch aus der Mittelschicht. Denn diese Mittelschicht hat Ängste, und die heißen in Deutschland ganz klar Hartz IV – wenn ich meinen Job verliere, wenn ich krank werde, bin ich innerhalb weniger Monate auf Hartz IV und genauso gearscht wie alle anderen auch. Und diese Angst ist natürlich ein Politikum und bestimmt die Menschen. Deshalb wählen sie rechts, obwohl es ihnen eigentlich total gut geht. Und man hat natürlich momentan einen tollen Sündenbock für alles, was in den vergangenen 20, 30 Jahren schiefgelaufen ist: Das sind die Flüchtlinge. Vorher war es der Euro. Und wenn die Flüchtlinge plötzlich weg wären, würde sich halt ein anderer Sündenbock finden. Und die Eliten spielen ihr altes Spiel, die Unterschichten gegeneinander auszuspielen. Und so gehen die Kleinen aufeinander los und schieben einander die Schuld zu, anstatt zu schauen, wenn den Krieg in der Welt überhaupt anfängt. Und wer davon profitiert. Diese Leute haben sich genauso von der Gesellschaft verabschiedet wie das untere Drittel. Und da taucht die AfD auf und zieht die Wähler zu sich. Das haben die etablierten Parteien jetzt davon. Da haben sie jahrelang davon gesprochen, die Menschen wieder an die Wahlurne zu locken – und dann gehen sie und wählen die AfD. Und dann heißt es: Was für Idioten sind das denn? Wären sie doch lieber zuhause geblieben. Aber so funktioniert Demokratie nicht. Und anstatt man sich mit der Frage beschäftigt, wie Europas Zukunft aussehen soll, beschäftigt man sich nur mit der Vergangenheit. Die CDU-Chefin Angela Merkel und der CSU-Chef Horst Seehofer streiten nur darüber, was im vergangenen Jahr alles schiefgegangen ist und wer recht oder unrecht hatte. Auch wenn das inzwischen völlig irrelevant ist. Denn diese Menschen sind nun da, und sie haben auch ein Recht, da zu sein. Es gibt eine Flüchtlingskonvention, auf die wir uns berufen müssen, ob wir nun wollen oder nicht. Und wir müssen uns auf die Zukunft konzentrieren. Die Vergangenheit können wir nicht mehr gestalten.

Verstehen Sie die Ängste der Menschen?

Ich glaube, dass diese Grundangst – die auch durch das Vermischen mit Terrorängsten entsteht – nicht an den Flüchtlingen liegt, sondern sie hat vor allem damit zu tun, dass die westlichen Gesellschaften abgewirtschaftet haben und der Kapitalismus sich so breit gemacht hat, dass er die Menschen letztlich nur benutzt und dann fallen lässt. Es gibt den Wohlfahrtsstaat nicht mehr, der jahrelang funktioniert hat und seine guten Seiten hatten. Jetzt heißt es, er war zu teuer – aber wofür wollen wir das Geld sonst ausgeben, wenn nicht für Menschen? Wir haben es jahrelang in die Banken gesteckt.

Was darf man von Ihrem neuen Programm erwarten, abseits von Politik und Flüchtlingskrise?

Es geht darin auch um die Technologisierung der Welt. Es gibt einen großen Block dazu, was die Smartphone-Manie mit uns macht. Der Abend hat einen ganz ernsten Kern, aber es ist trotzdem auch wahnsinnig lustig. Ich unterhalte die Leute auch gerne. Und die Leute, die den ernsten Kern nicht sehen wollen, haben nachher zumindest einen lustigen Abend gehabt. Ich habe ja auch Spaß an dem Ganzen. Hätte ich den nicht, würde ich auch verzweifeln.

Sie machen seit etwa einem Jahr gemeinsam mit Tobias Mann ihre Late-Night-Sendung: "Mann, Sieber!" Muss man im Fernsehen mehr aufpassen als live auf der Bühne, was man sagt? Können Sie da Gags nicht machen, die Sie sich auf der Bühne trauen?

Fernsehen und Bühne sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe. Im TV produziert man für eine einzige Ausstrahlung, da spielt man für die Kamera und nicht für ein Live-Publikum. Auf der Bühne kann ich auf die jeweilige Stimmung eingehen, Zwischenrufe aufnehmen, da kann ich Sachen machen, die vielleicht jetzt gerade aktuell sind, aber womöglich schon in einer Stunde nicht mehr. Im Fernsehen muss man ständig daran denken, dass es erst später ausgestrahlt wird. Wir zeichnen einen Tag vorher auf, die Texte werden eine Woche vorher geschrieben und sollen dann immer noch relevant sein. Insofern hat man bei einem Live-Abend immer mehr Freiheiten. Aber um auch mit diesem Gerücht aufzuräumen: Ich habe noch nie erlebt, dass es im Fernsehen auf irgendeine Weise eine Zensur gab. Natürlich hat man einen Juristen, der vorher drüberguckt, aber da geht es hauptsächlich um den Beleidigungsparagrafen. Das mache ich aber im Programm auch nicht, gezielt Menschen zu beleidigen, die eine öffentliche Funktion haben. Das ist für mich ein sehr einfacher Humor. Mir geht es eher um die Themen: Was sagen sie, warum sagen sie es, und welche Auswirkungen hat das für uns alle? Und natürlich geht es auch darum, darin eine Komik zu finden – und das ist oft gar nicht so schwer.

Wie versuchen Sie sich von den unzähligen anderen Satiresendungen im deutschen Fernsehen abzuheben?

Ich glaube, dass wir mit der politischen "Late Night" als Kulisse eine sehr moderne Form gefunden haben. Und durch die Doppelmoderation haben wir die Möglichkeit, die beiden Seiten einer Medaille zu beleuchten. Tobias ist dabei eher der positive Mensch, der ein Thema vielleicht etwas leichter angeht und auch einmal eher den Witz sucht. Ich bin der Skeptiker, der eher in die Depression versinken und eine schwarze Zukunft malen kann. Ich finde, in diesem Spannungsbogen bewegen wir uns ja alle, weil die Welt nie so oder so ist. Das hat auch viel mit Zweifel zu tun. Ich finde den Zweifel eines der wichtigsten Dinge, die der Mensch überhaupt hat. Er wird viel zu wenig respektiert, man muss immer sofort zu allem eine Meinung haben, und es ist immer alles nur schwarz oder nur weiß. Aber im Zweifel liegt eigentlich die viel größere Wahrheit.

Zweifeln Sie auch an sich selbst, wenn sie schlechte Kritiken wie jene im "Spiegel Online" bekommen?

Also, negative Kritik vom "Spiegel" ist ja längst ein Lob. In Zeiten, in denen der "Spiegel" immer mehr zum halbintellektuellen Arm der "Bild"-Zeitung verkommen ist, ist ein Lob eine Beleidigung. Kritik vom "Spiegel" nehme ich also mit großer Dankbarkeit entgegen. Kritiken zu meinem Kabarettabend lese ich manchmal. Ich finde, wer Kritik austeilt, muss sie auch ertragen können. Ich weiß aber auch, wie das deutsche Feuilleton funktioniert: Da wird immer alles Neue erst einmal abgelehnt. Auch hier gibt es natürlich einen großen Unterschied zwischen Bühne und Fernsehen: Den Kabarettabend spiele ich 150 Mal, da weiß ich, nach der 10., 20. Vorstellung, welche Gags wie gehen und was ich umstellen muss. Aber eine Fernsehsendung nehme ich einmal auf, und dann ist sie fertig, und ich kann nichts mehr daran ändern. Und natürlich bin ich wahnsinnig selbstkritisch, deshalb nehme ich Kritik natürlich wahr und überlege mir, was ich besser machen kann. Ich sage auch immer den Leuten in der Premiere eines neuen Programms: Kommt in 20 Vorstellungen noch einmal, es wird ein komplett anderer Abend sein – auch wenn der Inhalt derselbe sein wird. Ich erzähle dann auch immer, was ich seit der Premiere geändert habe, und die Leute können nachvollziehen, warum es jetzt so ist.

Wer sind Ihre Vorbilder? Und für wen sind Sie ein Vorbild?

Ich bekomme natürlich von manchen jüngeren Kollegen bei Mixed-Shows die Rückmeldung, dass ich sie inspiriert habe. Aber natürlich haben auch mich Leute inspiriert. Das ist zum einen Georg Schramm. Die Art, wie er in seinen Programmen mit verschiedenen Figuren spielt, hat mich geprägt. Und auch seine Konsequenz, dorthin zu gehen, wo es auch dem Publikum ein bisschen wehtut. Und auch Josef Hader hat mich stark beeindruckt. Sein erstes Programm "Privat" habe ich vor gut 20 Jahren gesehen. Wenn man ein solches Programm sieht, dann lernt man dabei extrem viel über die Menschen. Allein schon die Idee, zu sagen: Wir klatschen am Ende nicht, sondern wir winken alle so wie irgendein Volk – ich weiß nicht, wo der Josef das her hatte. Und er geht von der Bühne, und der Erste klatscht. Da denke ich mir: Wie doof sind wir eigentlich? Aber das sagt so viel über den Menschen aus, dass er nicht heraus kann aus seiner Rolle.