Die Kameliendame? Ist Schnee von gestern. Wenn Violetta, die todgeweihte Lebefrau aus Verdis "La traviata", neuerdings Alfredo kennenlernt, verehrt sie ihm mitnichten eine Blume. Die beiden besiegeln ihre Liebe vielmehr, indem sie sich kopfüber ins Nachtleben von heute stürzen. Alkohol, Party, Drogen: Das alles projiziert sich in einer wilden Bilder-Folge auf die Bühne, die auch später nur so vor Fotos strotzt. Auch die Figuren erweisen sich als bilderwütig. Violettas Clique neigt jenem Verhalten zu, das Kim Kardashian in den USA kultiviert hat: Man stoppt seine Selfie-Shootings nur, um das Facebook-Profil zu aktualisieren. Ohne Handy wäre das Leben ein Irrtum.

"La traviata" also in der Gegenwart - das ist an sich nicht neu. Die Kammeroper hat den Verdi-Oldie aber nicht nur optisch aufgepeppt, sondern auf 80 Minuten gestaucht und die Partitur generalüberholt. "Traviata remix" heißt das dann.

Klingt schick, funktioniert aber deutlich schlechter als die ähnlich geartete "Carmen" vom März (mit Natalia Kawałek und einem Jazz-Trio statt Orchester). Zwar übersetzt Regisseurin Lotte de Beer den "Traviata"-Plot solide ins Heute. Von der Kurtisane zur Partybitch upgedatet, knipst und säuft diese Violetta, was das Zeug hält, und bringt die Familienehre Alfredos als "Rotlicht-Liaison" ins Wanken. Letztere dreht Giorgio - hier Alfredos Schnösel-Bruder - grausam ab, schickt am Ende aber doch eine geläuterte Mail an Violetta.

Verdi trifft Tom und Jerry

Nun wird dies alles intensiv gespielt. De Beers Konzept aber erweist sich dabei mehr und mehr als Oberflächenbewirtschaftung. Trotz aller Projektionen nimmt der Abend das Libretto nämlich doch recht wörtlich und verschenkt so mögliche Regiepointen. Wenn Alfredo Violetta demütigt, bewirft er sie, very oldschool, auch hier mit Knitterpapiergeld als Hurenlohn.

Und die Musik? Das Arrangement von Moritz Eggert und Jacopo Salvatori bietet vor allem Striche. Abgesehen davon, kann es weder als Remix im poppigen Sinne gelten (die vier, fünf "fetten" Elektro-Beats bleiben aufgesetzte Gimmicks) noch in einem tieferen. Das Wiener Kammerorchester produziert ein fahriges, dürres Klangbild, das mit Schlagwerk-Gerassel, Posaunen-Glissandi und Fehlfarben an eine Folge "Tom und Jerry" erinnert, hie und da durch ein Jazz-Implantat verwundert sowie durch sporadische, eher unbefriedigende bis völlig unplausible Reharmonisierungen. Dennoch Beifall für das beherzte Protagonistenpaar (Frederikke Kampmann, Julian Henao Gonzalez) und den klangsatten Matteo Loi (Giorgio).