• vom 29.09.2016, 15:44 Uhr

Bühne

Update: 29.09.2016, 16:03 Uhr

Theater

Fahrstuhl ins Totenreich




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Von Roberto Becker

  • Katie Mitchell verarbeitet Elfriede Jelineks "Schatten (Eurydice sagt") zum Filmtheater.

Katie Mitchell inszeniert Elfriede Jelineks "Schatten (Eurydice sagt)" als Roadmovie ins Innere: Julia Böwe und Marcel Kieslich in der Aufführung der Berliner Schaubühne.

Katie Mitchell inszeniert Elfriede Jelineks "Schatten (Eurydice sagt)" als Roadmovie ins Innere: Julia Böwe und Marcel Kieslich in der Aufführung der Berliner Schaubühne.© Gianmarco Bresadola Katie Mitchell inszeniert Elfriede Jelineks "Schatten (Eurydice sagt)" als Roadmovie ins Innere: Julia Böwe und Marcel Kieslich in der Aufführung der Berliner Schaubühne.© Gianmarco Bresadola

Hinter dem Titel der jüngsten Premiere an der Berliner Schaubühne "Schatten" steht in Klammern: Eurydice sagt. Das klingt nach dem Enthüllungs-Modus der Boulevardpresse, nach "Jetzt spricht die Frau", nach Schlagzeile. Aber auch nach einer neuen Perspektive, die bei dieser Autorin nur eine radikal feministische sein kann. Es ist Elfriede Jelineks in Wien von Matthias Hartmann uraufgeführte Version des Orpheus-Mythos. Also die altbekannte Geschichte vom sagenhaften Sänger, der seine Geliebte zurückhaben will, die der Biss einer Schlange ins Totenreich befördert hat. Und dem das zugestanden wird. Unter der Bedingung, dass er sie auf dem Rückweg nicht anschaut. Was auch hier schiefgeht. Sie entscheidet sich, reißt sich von ihm los, er erschrickt und dreht sich unwillkürlich um. So landet dann doch noch ein ungekünsteltes "Fuck" im Text der Jelinek, der in Sachen Sex ja ohnehin nicht zimperlich ist.

Was Eurydice sich wünscht

Information

Theater
Schatten (Eurydice sagt)
Von Elfriede Jelinek
Katie Mitchell (Regie)
Berliner Schaubühne

Diese Eurydike will bei Mitchell nicht zurück an ihren Schreibtisch mit dem Laptop und an ihr Manuskript, das hier den Titel "Blutlos" trägt. Sie empfindet dort, wo sie ist, offensichtlich die Freiheit, nicht mehr in seinem Schatten zu leben, sondern ein Schatten zu sein, nicht mehr wünschen zu müssen, was sie nicht kann: "Ich kann nicht, was ich mir wünsche, und ich wünsche mir, was ich nicht kann: Schreiben." - So heißt der Satz im Ganzen, der es auch in die auf fünf Viertelstunden eingedampfte Wortbegleitung von Mitchells atmosphärischem Bildertheater geschafft hat. Ein Kammerspiel aus dem Backstage des Lebens. Keine verzweifelte Flucht aus dem Schatten des sexbesessenen, von den jungen Mädchen angehimmelten Sängers an ihrer Seite, der den Quickie in der Garderobe mit ihr braucht, um sich dem Gekreische der Fans gleich darauf zu stellen. Renato Schuch macht das mit atemberaubenden Macho-Selbstbewusstsein.

Mitchell folgt nicht dem bewährten Weg jener Jelinek-Regisseure, die die Textflächen zu Theater machen, indem sie sie in Aktionismus veräußerlichen, dramatisch aufladen und ihre Lautstärke aufdrehen. Sie unterläuft an der Schaubühne mit ihrem hier schon oft erprobten Instrumentarium diesen gängigen Pfad mit ihrer filmischen Verdopplung der realen Bühnenaktion. Auf der ziemlich vollgestellten Film-Set-Bühne aus Künstler-Garderobe, dem alten VW-Käfer vor einer Projektionswand, Fahrstuhlkulisse, jeder Menge Live-Kameras samt Personal und einer großen Leinwand für die Nahaufnahmen oben drüber. Im Zusammenspiel entfaltet das alsbald einen Sog der Entschleunigung.

Der Clou ist hier die Aufspaltung in das meist schweigende Spiel und die Inneren Stimme, die Stephanie Eidt in der schalldichten Kabine gut sichtbar beisteuert. Jule Böwe ist Eurydike, die zurückkommt, weil er es will, die zu schreiben versucht, weil sie es sich wünscht, die im Käfer durch gespenstisch leere Tunnel fährt, oder im Fahrstuhl aus der Tiefe der bis zu 100 Unterschosse.

Was wir miterleben, ist ein Roadmovie ins Innere, ins Schattenreich. Am Ende ohne jene Angst, die Jule Böwe schließlich ganz wörtlich wie das Kleid ablegt, um, völlig nackt, ganz bei sich und den unbeschriebenen Manuskriptblättern anzukommen. Weibliche Kunst als Rebellion gegen ein Leben im männlichen Schatten? Jelinek von Mitchell auf den Punkt gebracht?





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-09-29 15:50:10
Letzte Änderung am 2016-09-29 16:03:33


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