Sind wir es noch oder sind wir es nicht mehr? Mit Hofmannsthals Lustspiel "Der Schwierige", halb k.u.k. Milieukonservat, halb Analyse einer frontbeschädigten Männerseele, pflegt das Theater in der Josefstadt seine Legitimität zu überprüfen. Seit Max Reinhardts Eröffnungspremiere 1924 wuchsen hochherrschaftliche Karis, Stanis, Helenen, Crescencen nach. Nicht alle blieben Maßstab für die Rollenerben. Die Altabonnenten zählen in Pausengesprächen die Unvergessenen wie Rosenkranzperlen durch. Speziell josefstädterische Schauspielkunst hält sich so am Leben wie die Reitkunst in der Hofreitschule. Den Kari Bühl, mit Prädikat "Erlaucht", erlebt jeder Auserwählte wie eine Dressurprüfung. Zwar bleibt Sich-zu-Bewegen, Sprechen, Charmieren, Granteln wie Standesherrn von dazumal allemal Verstellungskunst. Doch Schmeichler preisen noch heute Leopold Rudolf und Helmuth Lohner als "geborene" Grafen. Dem neuen Kari Michael Dangl ist dieser schwarzgelbe Umhang zu groß. Trotz Feinschliffs behielt er die unauslotbare, überraschende Kraft eines Naturtalents.

Donnernde Umbruchsbeben


Kein Malheur im "Schwierigen". Denn Kari warf ein Sterbenserlebnis im Krieg (er wurde verschüttet) aus der Bahn. Seine hermetische Standesgesellschaft scheint die donnergrollenden Umbruchsbeben nicht zu hören. Wie über eine Marotte staunt sie über Karis Verlegenheit, Unentschlossenheit, Verstörung, stummen Schmerz. Der 39-Jährige platzt ins konventionelle Geplapper, Konversation genannt, mit Aphorismen wie "Das Reden basiert auf einer indezenten Selbstüberschätzung" und "In jedem Anfang liegt die Ewigkeit". Solches Denkgewicht bringt Dangl schwer auf die Waag’. Regisseur Janusz Kica postierte ihn oft nur alsSprachrohr Richtung Publikum.

Wasserklar, glockenhell wird Hofmannsthals Gedicht auf kahler Bühne zelebriert. Im 1. Akt ist als Hinterwand ein schwarzes Riesenquadrat aufgebaut. Malewitschs erstmals 1915 gesetztes Zeitenwendezeichen? Trauerflor am Grab der Welt von Gestern? Vor dem roten Logenrund leuchtet die Bühne gediegen-leer wie die Marke "Weißes Wohnzimmer". Umso deutlicher setzt Karin Fritz Farb- und Zeitakzente in den Damenkostümen. Teuerste Mode von 1910. Blasslila, altrosa, Blumensprengsel auf Schwarz, golden gefältelt mit Netz und Nerz. Augenweiden.

Gestrichen ist die Szene über eine aktuelle Herrenhausrede. Diese zweite Parlamentskammer wurde am 12. November 1918 aufgelöst. Hofmannsthal selbst hielt in Schwebe, ob das Kaiserreich zum Zeitpunkt der Soiree, die mit der schlampigen Verlobung Karis mit Helene endet, noch existiert. Janusz Kica verstärkte diese Losgelöstheit von der Historie mit Sprechfiguren hinter Glas. Makellose Sprache ausgestellt.

Ulli Maier schleudert als Crescence, Karis Schwester und Stanis Mutter, Aufgeregtheit ins unterkühlte Haus. Ein Muttertier von zeitloser Vornehmheit und Eleganz. Ihr Stani Matthias Franz Stein spitzt mit Bubencharme den Aristoschnösel zur maulflinken Karikatur zu. Auch darin überperfekt wie in seinen Dauerreden über was man tut und was nicht. Alma Hasun als Helene Altenwyl in schlichter Robe und glatter Frisur: Eine "Neue Frau", doch als Mitleidsgeschöpf in den "Geschichten aus dem Wiener Wald" und "Liliom" war sie richtiger besetzt. Viel weiblicher, lebenswahrer entfaltet sich Pauline Knof als Antoinette, die ihrem alten Mann (Roman Schmelzer) bis an die Standesgrenze entgleitet. Ihre Freundin Edine (Alexandra Krismer) ist eine süße Konfusionistin, Christian Nickel ein dezenter holsteinischer Baron - und zu fein für österreichisch-reichsdeutsche Abgrenzungsgeplänkel.

Als Hausherr Altenwyl ist Michael König unterbeschäftigt. Christian Futterknecht gibt den berühmten Wissenschafter als Karpfen im Goldfischteich. Die Dienstboten-Chargen nützen ihre Zeit für kurze Feuerwerke: Therese Lohner als quirlige Jungfer, Alexander Strobele als unbestechlicher Langzeitdiener. Der neue Kollege (Oliver Rosskopf) und der Sekretär (Wojo van Brouwer) erscheinen als Vorboten der Republik. Also unpassenderweise.

Das geschulte Josefstädter Publikum applaudierte Ulli Maier besonders laut.

Theater

Der Schwierige

Von Hugo von Hofmannsthal

Janusz Kica (Regie)

Theater in der Josefstadt

Wh.: 8., 9., 17., 24., 25., 26., 31. Okt.