Hexe mit Herrenbrust


Eine Verlockung für die Französin freilich: der Charakter der Armide, fügt er sich doch nahtlos in jene Liga außergewöhnlicher Damen, die Arquez gerne singt. Geschaffen hat ihn Torquato Tasso mit seinem Epos "Das befreite Jerusalem" - eine beliebte Geschichte, auf die sich auch Händel ("Rinaldo") und Haydn ("Armida") ihren Opernreim gemacht haben: In den Wirren des ersten Kreuzzugs geht der Ritter Renaud einer morgenländischen Zauberin ins erotische Netz. Diese Frau heißt Armide, macht mit ihrer Kriegsbeute aber nicht kurzen Prozess, sondern verliebt sich in den Europäer. Womit die Tragödie ihren Lauf nimmt. Eine knappe Romanze später kommt der Behexte auch schon wieder zu Sinnen, enteilt aufs Schlachtfeld und lässt die Frau verzweifelt zurück. Hier endet die Gluck-Oper - mit unversöhnlicher, tragischer Wucht.

Regisseur Ivan Alexandre will die Kraft dieser "Armide" (1777 in Paris uraufgeführt und heute eher eine Rarität) geradlinig zur Geltung bringen. Einen Twist hat er aber eingebaut. Die Hauptfigur wird an der Staatsoper nämlich nur äußerlich eine Frau sein. Alexandre stellt sich Armide als einen jungen Soldaten vor, einen Krieger, der von Kindheit an dazu gedrillt wurde, den Feind durch erotische Verkleidungskünste zu verführen, und damit so lange Erfolg hat, bis er sich eines Tages selbst verliebt.

Gewiss, dieser Ansatz mag spekulativ wirken. Er könnte Armides Seelendrama aber zuspitzen und soll laut Alexandre vor allem erklären, wieso eine echte Liebe zwischen Renaud und der - Kunstfigur - Armide unmöglich ist. Wie deutlich wird man dieses Konzept auf der Bühne sehen? Die Protagonistin, so hieß es zu Probenbeginn, werde im Verlauf des Abends auch eine (Kunst-)Herrenbrust zeigen.

Tönende Ängste


Was sagt Arquez dazu? "Wenn Alexandre ein Konzept präsentiert, hat es seine Logik", stellt sie sich dahinter. Die Figur des Soldaten erscheint ihr jedenfalls plausibel: "Dieser Mann kommt irgendwann an den Punkt, an seine eigene Verkleidung zu glauben - und dann verliebt er sich wider Erwarten."

Wie legt Arquez als Sängerin eigentlich eine Tragödiengestalt an? Ist ihr Klangschönheit wichtiger - oder emotionaler Ausdruck um jeden Preis? "Für mich geht es um das Theater. Das Wichtigste ist: Ich muss die Botschaft rüberbringen, die im Text steckt. Dafür brauche ich wie ein Maler alle verfügbaren Farben. Ich suche also nicht vorrangig nach einer Schönheit des Klangs, aber ich benötige sie auch." Wobei es in Wien durchaus ruppig werden könnte: "Für die Armide muss man Klangfarben benützen, die weniger gefällig sind, weil die Figur von Zweifeln und Ängsten gequält wird."