Mag Ernst Krenek seine Oper "Pallas Athene weint" auch im Zwölfton-Stil und im Gedenken an die - erst wenige Jahren zurückliegenden - NS-Schrecken komponiert haben, ist ihr doch etwas Zeitloses zu eigen: Die Musik trifft auf ein klassisches Drama mit der Einheit von Zeit, Raum und Handlung. Thema: der Untergang der athenischen Demokratie im Kampf mit dem totalitären Königtum Spartas. Die Neue Oper Wien zeigt das Stück in der HalleE des Museumsquartiers mit starkem Österreichbezug: Regisseur Christoph Zauner legt die Geschehnisse im düsteren Ensemble der devastierten Säulenhalle des einstigen österreichischen Parlaments an. Hier erweisen sich nicht zuletzt die Damen und Herren des Wiener Kammerchors als grandios handlungsförderlich.

Beginnt die Auseinandersetzung mit Kreneks - zu Unrecht - vergessenem Werk auch spröde, eröffnet sich bald die Intensität eines Welttheaters: Die überreife Republik Athen rüstet sich mit pervertierter Ordnungsliebe und voll der demagogischen Spitzfindigkeiten gegen ihren Feind Sparta. Trotz diverser Machtkämpfe bleibt Alkibiades der Strategos, also Anführer: Franz Gürtelschmieds wunderbar tönender Tenor verleiht der Rolle des energetischen Machtmenschen, der im Endeffekt an sich selbst zugrunde geht, alle gebührende Kraft.

Dem entgegen steht die reflektierende, alte Ordnung des Gelehrten Sokrates: Klemens Sander überzeugt als der wissend-unwissende Mensch inmitten der Massen, seine exakte Stimmführung und die Wortdeutlichkeit bis zum letzten Moment des Schierlingsbechers vermitteln das Libretto Kreneks und dessen ganz und gar nicht sperrige Dodekaphonie bestens.

Dunkle, statische Regie

Da die Mitkämpfer, Mitläufer und Mitleidenden Meton (souverän: Yevheniy Kapitula), Meletos (geht grandios am Opportunismus zugrunde: Lorin Wey) und Althea (die standhafteste aller Frauen: Barbara Zamek). Dort der böse - oder vielleicht doch nicht so böse - Tyrann König Agis (sonor und intensiv: Karl Huml), die getriebene Timaea (zu Herzen gehend: Megan Kahts), die Widerlinge Lysander (Hanzhang Tang), Brasidas (eine echte Entdeckung: Kristján Jóhannessons) und Ktesippos (Savva Tikhonov).

Ob Christoph Zauners dunkle, statische Regie, versetzt mit Jörg Brombachers geradlinigem Bühnenbild und den schlichten Kostümen von Mareile von Stritzky, in der hohen Ruine allzu zeitgeistig war? Keinesfalls. Ereignisse und Tendenzen der jüngeren Zeitgeschichte wie der Gegenwart wurden spürbar, waren hier aber ganz universell erlebbar als das menschliche Spiel von Macht, Liebe, Verlangen, Mord und Manipulation. Ein Spiel, das Ernst Krenek in einer kraftvollen Symbiose aus Wort und Ton zu 150 Minuten packendem Musikdrama gegossen hat, packend musiziert vom Tonkünstler-Orchesters Niederösterreich unter der Leitung von Neue-Oper-Wien-Intendant Walter Kobéra.