Moskau. "Die Kultur muss eine russische sein!", schreit ein Mann mit Lederjacke. Die Kameras schwenken auf den Mann, er wird von Männern in Camouflage abgeführt. Zuvor ist es ihm noch gelungen, eine Flüssigkeit auf eine Fotografie zu schütten. Urin, wie sich später herausstellt. Draußen, vor dem Ausstellungsraum, halten junge Männer und Frauen Wache, in Turnschuhen und blauen Bomberjacken, um den Eingang zu blockieren. "Offiziere Russlands", steht auf ihren Jacken.

Ende September wurde in Moskau die Ausstellung des US-amerikanischen Fotografen Jock Sturges von konservativen Aktivisten gestürmt. Der Hintergrund: Weil die Fotografien unter anderem auch Kinder mit entblößtem Oberkörper zeigten, hatten die Aktivisten den Ausstellern vorgeworfen, "Pädophilie zu propagieren". Eine Kritik, die zuvor schon von einer Abgeordneten der Putin-Partei "Einiges Russland" geäußert worden war. Die Ausstellung wurde prompt geschlossen.

Blasphemie und Gottes Wille


Dass konservative Aktivisten gegen moderne Kunst vorgehen, ist längst kein Einzelfall in Russland mehr. So wurde die für 1. November geplante Aufführung der Rock-Oper "Jesus Christ Superstar" im sibirischen Omsk abgeblasen. "Blasphemie" und "Verletzung von religiösen Gefühlen" hatten Aktivisten der Organisation "Familie, Liebe, Vaterland" dem Stück, das doch eigentlich auf Texten aus dem Evangelium basiert, in einer Erklärung vorgeworfen. Zuletzt wurden Skulpturen eines sowjetischen Künstlers von orthodoxen Aktivisten als "blasphemisch" geschmäht und sogar teilweise zerstört. Die Gruppe dahinter: "Gottes Wille".

Die Vorfälle haben Unbehagen in der russischen Kulturszene ausgelöst. Ein Unbehagen, das nun selbst den als Putin-freundlichen und gut vernetzt geltenden Schauspieler und Theatermacher Konstantin Rajkin dazu veranlasst hat, eine Brandrede gegen die Zensur in der Kunst zu halten. "Ich glaube diesen Leuten nicht, die sagen, ihre religiösen Gefühle seien verletzt worden", polterte Rajkin bei einer Rede vor laufenden Kameras. "Das sind abscheuliche Leute, die mit illegalen abscheulichen Mitteln für Moral kämpfen. Wenn man Fotografien mit Urin übergießt, soll das etwa ein Kampf für Moral sein?"

Während Beobachter Rajkin vorwerfen, aus der Rede Profit für sein finanziell angeschlagenes "Satirikon-Theater" schlagen zu wollen, ist sein Befund doch richtig: Meist sind es radikale Aktivisten, die im Namen eines russisch-orthodoxen Sittenkatalogs gegen moderne Kunst zu Felde ziehen. Ihr Vorgehen ist dabei zumindest teilweise legitimiert: Die Gefühle von Gläubigen zu verletzten sowie der Verstoß gegen sogenannte "Homosexuellen-Propaganda" sind in Russland seit 2013 verboten. Das "Blasphemiegesetz" sieht bis zu drei Jahre für Gotteslästerer vor. Derweil bleiben die radikalen Aktionen der kirchlichen Aktivisten meist ungestraft. "Die Kirche geht so vor, wie die sowjetische Macht in der ersten Hälfte der Existenz gegen die Kirche vorgegangen ist", kritisiert auch der Politikwissenschafter Stanislaw Belkowski.