• vom 03.11.2016, 15:58 Uhr

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Update: 03.11.2016, 18:42 Uhr

Thaterkritik

Wildes Tier in Stalins "Neuem Menschen"




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Von Hans Haider

  • "Die Inseln des Dr. Moreau" von Mara Mattuschka im T. A.G.

Julia Schranz und Alexander Braunshör. - © Sandra Fockenberger

Julia Schranz und Alexander Braunshör. © Sandra Fockenberger

Als Evolutionsbeschleuniger treibt Doctor Moreau, aus London vertrieben, auf einer Dschungelinsel sein Unwesen. Unter seinem Skalpell werden Bestien zu Tiermenschen zwangsmutiert. Der Engländer H. G. Wells packte in seine 1896 erschienene Horror-Parodie auf die biblische Schöpfungsgeschichte Spott auf den Fortschrittsglauben sowie Warnungen vor dem Missbrauch der Lehren Lamarcks und Darwins. Mary Shelleys schauerromantischer Menschenmacher Frankenstein (1814) war bloß ein Bastler mit Leichenteilen - Dr. Moreau aber baut lebende Tiere um und diktiert ihnen wie der Gott Moses’ einen philosophisch-moralischen Überbau, genannt "Das Gesetz". Dieses soziale Experiment scheitert. Nicht überraschend zerfleischt eine zur polynesischen Schönheit entwickelte Pumakatze ihren Schöpfer.

Die kulturhistorisch versierte Malerin und Filmemacherin Mara Mattuschka wuchs in Bulgarien zwangsindoktriniert auf. Umso hellhöriger wurden kluge Kinder für Widersprüche, Paradoxien, Blamagen und Verbrechen des sich auf Wissenschaftlichkeit berufenden Systems mit dem "Neuen Menschen" als Programm. Wem anderen als der Immigrantin Mattuschka wäre in Wien die Idee gekommen, die Gruselstory vom Inseldoktor mit Stalins Liebäugeln mit der Genetik als Machtinstrument zu koppeln? Dieser höchst intellektuelle Prozess gebar eine vergnügliche Trash-Collage, wo der zähe Stoff anhand von zwei Verfilmungen des Wells-Romans durchgespielt wird: Von "Island of Lost Souls" mit Charles Laughton als Moreau 1932 und von "The Island of Dr. Moreau" ("DNA - Experiment des Wahnsinns") mit Marlon Brando 1996. Cineasten behaupten heute, dieses Remake sei ein so miserabler Film, dass er schon wieder gut ist.

Information

Theater
Die Inseln des Dr. Moreau
Mara Mattuschka (Buch, Regie)
T. A. G. - Theater an der Gumpendorfer Straße
Wh. bis 15. November

Des einen Lustgewinn, des anderen Ärger: Ihre Crossover-Kunst zwingt zum Nachtanken aus Mattuschkas Bildungsfässern. Zur Vorbereitung auf das 80 Minuten lange, so komische wie scheinbar wirre Wechselspiel in ungleichzeitigen Filmsets und Realitätsebenen wäre der Roman-Succus bei Wiki zu lesen und wären Filmdokumente von fünf Stunden Länge auf YouTube samt Drehgeschichten zu studieren. Auch das Zwiegespräch, das der PEN-Club-Pionier Wells am 23. Juli 1934 in Moskau mit Stalin führte, ist digital publiziert.

Bildungsbeflissene wissen nun, warum Johanna Orsini-Rosenberg (Laughton) bei Alexander Braunshör (Stalin) antanzt und Julia Schranz als Larry King mit Marlon Brando talkt (1994 kam er mit 70 in die CNN-Show). Diese drei Kostüm- und Sprechtonwechselzampanos teilen sich 20 Rollen! Der Horrordoktor erscheint sogar in viererlei Irrealität auf der mit Doppelbett, Sitzgruppe und Schreibtisch spärlich möblierten Bühne: Brando, Laughton, Buch-Moreau und Wiedergänger seines Autors Wells. Die schöne wilde Pumafrau Lota ist Herrn Braunshör als überbreite Schwulenmaske zugeteilt. In deren Strapsen fühlt sich auch Russlands Diktator sauwohl, da gibt es die meisten Lacher. Manch strenge Gestik und Bewegung ist Stummfilm-Comedians abgeschaut. Im Hintergrund machen anthropozoische Monstrositäten, von Barockfantasien bis zu Videospielschemen, als Lichtbilder Geisterbahn-Angst. Viele Premierengäste dankten den Darstellern, manch Ratloser wich stumm.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-11-03 16:02:12
Letzte Änderung am 2016-11-03 18:42:18


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