Auch Publikumsliebling Domingo - mit Davinia Rodriguez - kann "Macbeth" an der Wien nicht retten.
Auch Publikumsliebling Domingo - mit Davinia Rodriguez - kann "Macbeth" an der Wien nicht retten.

Es ist eine seltene, doch im Fall der Fälle durchaus philosophische Frage: Was macht ein in die Jahre kommender Tenor von Weltruhm, wenn die Stimme zwar noch strahlt und trägt, doch für die vollen Höhen die Kraft fehlt? Abgesehen davon, dass dieser Glücksfall an ewig jugendlicher Stimme selten vorkommt, kann er einfach das Fach wechseln und einen güldenen Karriereabend als Bariton verleben. Doch ist Plácido Domingo, der knapp fünf Jahrzehnte den strahlenden Helden gesungen und auf den Bühnen der Welt verkörpert hat, dadurch automatisch auch ein fantastischer Bariton? Oder ist er dann nach wie vor ein Tenor, der einfach tiefer singt?

Für die Premiere von Giuseppe Verdis "Macbeth" im Theater an der Wien galt am Sonntag definitiv Letzteres. Domingos nach wie vor außergewöhnliche Stimme lebt von großen Bögen, in denen sie sich entfalten und strömen kann, vom Schmelz, von der kunstvollen Sehnsuchtsklage. Die Partie des Macbeth kommt ihm da auch durch den oft geforderten Sprechgesang nicht sehr entgegen - außer in seiner finalen Arie. Mit seinen hellen, tenoralen Farben lässt Domingos Stimme auch den klanglichen Abgrund vermissen, den man in dieser Partie vermuten würde. Domingo sei noch eine lange Zukunft im Bariton-Fach gewünscht, sein neues Repertoire muss er jedoch erst finden. Der sonnendurchflutete Tenor als finsterer Bösewicht? - Es steckt mehr als ein Klischee dahinter, dass sich das nicht immer ausgeht.

In der Inszenierung von Hausherr Roland Geyer geht es sich jedenfalls nicht aus: Sie wurde ob ihrer Trivialität und Einfallslosigkeit mit einem Buh-Orkan bedacht. Sein Ansatz, Macbeth und seine Lady als Platon’sche Kugelwesen zu deuten, die erst zusammen vollständig sind - quasi als kommunizierende Gefäße des Bösen -, ging nicht auf. Sie zeigte sich vor allem darin, dass die beiden offenbar gemeinsam nur ein Paar Handschuhe besitzen. Und dass Macbeth sich ganz als orientierungslos schwache Marionette einer besessenen Furie erweist. Was die beiden verbindet, bleibt rätselhaft. Die komplexen Mechanismen der hinter dem Shakespeare’schen Drama steckenden Machtgier, die auch heute nichts an Aktualität verloren haben, hat Geyer nicht befragt. Oder sie waren zumindest sehr wortkarg.

In seiner Lesart hängt der blutige Machtrausch der Oper - im wenig sagenden Bühnenbild von Johannes Leiacker - in der Luft und erklärt sich auf keine Weise. Dafür gibt es echte Ratten, Totenschädel, Zwitter-Hexen im Glitterlook, Video-Animationen aus Hieronymus Boschs infernalen Fantasien, ein rotierendes Spiegelkabinett und eine nackte, glatzköpfige Tänzerin. Ein großes Ganzes ergibt das alles nicht. Dass die Produktion mit zwei Finali und alternierenden Besetzungen angesetzt ist, erweist sich als einzige originelle, letztlich aber auch verzichtbare Idee. Denn bis auf eine kurze Szene am Schluss unterscheiden sich diese Fassungen nicht.

Imposante Kontraste

Immerhin unverwechselbar ist die Lady Macbeth an Domingos Seite - der Sopran von Davinia Rodriguez ist zugleich klirrend scharf und matt abgedunkelt. Sie klingt wie auf einer alten Schellack-Aufnahme - markant metallisch und unendlich fern. Technisch liegen ihr vor allem die Koloraturen, im Ausdruck bleibt sie imposant, aber eindimensional. Auch die Inszenierung überzeichnet sie einseitig als besessene, wahnsinnige Schlange. Stimmlich und darstellerisch stark sind die beiden Gegenspieler des mordenden Paares: Stefan Kocan als Banco und Arturo Chacón-Cruz als Macduff. Auf die Kontraste der Partitur und damit darauf, aus welcher (klanglichen) Lieblichkeit sich höchste Dramatik entwickeln kann, konzentrierte sich Bertrand de Billy am Pult der Wiener Symphoniker. Er sorgt für eine umsichtige wie ordentliche Umsetzung, lässt den Sängern stets den Vortritt. Viele seiner Gestaltungsideen bleiben jedoch unausgegoren. Die markante Herangehensweise, die sich in der Ouvertüre andeutet, kann der Rest der Oper leider nicht einlösen.