Sie will das Schicksal noch aufhalten. Als sich die Bühne in Richtung Vergangenheit dreht, will sie Medea mit aller Kraft zum Stehenbleiben bringen. Aber die Gewalt des Unausweichlichen ist zu stark. Medea muss ihre bösen Erinnerungen aussitzen.

Das ist einer der Kniffe, mit denen in Anna Badoras Neuinszenierung im Volkstheater Grillparzers "Goldenes Vlies"-Trilogie kompakt zusammengeschachtelt wird. Die Volkstheater-Direktorin arbeitet anfangs mit flott hingeworfenen Rückblenden, in denen das Wesentliche aus "Der Gastfreund" - Medeas Vater tötet den schutzsuchenden Phryxus, um an das Goldene Vlies zu kommen - und aus "Die Argonauten" - Jason trifft ein und wickelt Medea um den Finger - nacherzählt wird. Wesentlich sind diese Momente dafür, was aus Medea werden wird. Die hier von Stefanie Reinsperger gespielte Medea ist keine kindermordende Furie, sie ist eine von ihren eigenen und den mit ihrer Hilfe begangenen Verbrechen Getriebene. Sie ist auch - eine der leisen aktuellen Anspielungen der Inszenierung - ein Flüchtling, der in der Fremde nicht nur nicht akzeptiert wird, sondern wegen seiner Andersartigkeit abschätzig behandelt wird. Und schließlich ist sie eine Verratene: von allen Männern, die sie kannte, ausgenutzt - vom Vater, der ihre Zaubermächte für seine Zwecke nutzte, vom Ehemann Jason, der sie eintauscht gegen die nächste Königstochter auf seiner Reise, Kreusa, die Tochter Kreons.

Reinsperger ist am besten, wenn sie in ihrem formlosen roten Samt-Sackkleid schamanenartig unter ihrem roten Zauberschleier knurr-grölt, wenn sie so verzweifelt-wütend wie ungläubig ob seiner Untreue Jason anspringt und wenn sie den schleichenden Wahnsinn herbeimurmelt, der zum Mord an ihren Kindern führen wird. Es ist freilich eine Inszenierung, die alle Kraft aus ihrer zentralen Figur und ihrer Darstellerin zieht. Der Rest des Ensembles hat wenig Gelegenheit zu glänzen. Es gelingt Anja Herden als Amme, die erst Medea anstichelt, sich nicht alles gefallen zu lassen, dann aber mit Entsetzen die weitere Entwicklung begreift.

Friedensangebot

Gábor Biedermann gibt seinen Jason mit hampelnder, hie und da etwas unpassend wirkender Comedy-Gestik. Günter Franzmeiers Kreon ist ein alternder Yuppie, der Verbannungsurteile mit dem Whiskyglas in der Hand aus der Hüfte schießt, Evi Kehrstephan gibt Kreusa zerrissen zwischen Einfühlsamkeit und Gier auf den Mann einer anderen. Michael Abendroth und Michael Köhler treten als Medeas Vater und Bruder vor allem in einem aquariumartigen Kasten auf, immer wenn Medea - von Lichtblitzen wie bei einer Migräne begleitet - Visionen aus der Vergangenheit hat. An Kopfschmerz-Zustände erinnert auch die flirrende Kratzmusik von Klaus von Heydenaber. Das drehbare Bühnenbild von Thilo Reuther (mit Götterstatue in Basquiat-Optik) ist von der mittlerweile üblichen grauen Trostlosigkeit, aber perfekt für die Vermischung der Zeitebenen.

Anna Badoras "Medea" geht keine großen Risiken ein, wird aber auch niemanden vor den Kopf stoßen. Es zeugt von Mut, das Allgemeingültige auch einmal ohne große Eingriffe selbst wirken zu lassen. Und es ist eine Inszenierung, die wie ein Friedensangebot an zuvor verärgerte Abonnenten wirkt. Auch recht.