Nachtschwarz zeigt sich die Bühne des Burgtheaters. Die wenigen hellen Möbelstücke - Sofa, Tisch und Regal - formen darauf eine Wohnlandschaft in Schneeweiß. Alles sehr elegant und edel. Fragt sich bloß, ob sich nicht bereits das Bühnenbild von Stefan Hageneier als Missverständnis erweisen wird.

Das Stück "Geächtet", das auf der karg möblierten Bühne zu sehen ist, versucht nämlich jede Schwarz-Weiß-Malerei zu vermeiden: Das Drama des pakistanisch-amerikanischen Autors Ayad Akhtar zeigt, wie verschiedene ethnische Gruppen einander wahrnehmen und verlässlich missverstehen, es verhandelt religiöse und ethnische Identitäten auf erstaunlich luzide Weise, in Form eines so leichtfüßigen wie zugleich grüblerischen Nachdenkens über die Mechanismen von Rassismus. Der 46-jährige Autor kritisiert nicht nur den Islam, er problematisiert auch den Blick des Westens auf die Weltreligion.

Irrlichtern um Leerstelle

Der Erfolg des Stücks überrascht nicht. "Geächtet" wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, es gehört seit seiner Uraufführung 2012 zu den meistgespielten Stücken der USA - und setzt seinen Siegeszug im deutschsprachigen Raum nun fort, mit Aufführungen in Berlin, München, Wien, demnächst Hamburg. Das Stück ist ein Publikumsmagnet, das dürfte nicht allein am gesellschaftspolitisch relevanten Thema liegen. "Geächtet" ist auch ein gekonntes Well-made-Play: Die Dialoge sind an Yasmina Reza und Edward Albee geschult, präzise und pointiert; die Figurenkonstellation exemplarisch: Zwei Ehepaare aus dem wohlhabenden, weltoffenen New Yorker Milieu treffen einander zur Dinner-Party. Ein Abendessen, auf Eskalation programmiert. Fabian Krüger spielt Amir, einen erfolgreichen Anwalt, der seine muslimische Herkunft verschleiert: "Weißt du, wie viel leichter ich es habe seit der Namensänderung", sagt er einmal im Stück.

Die mit allen Mitteln errungene Assimilierung erweist sich als nicht besonders stabil: Im Lauf der Handlung bricht Amir zusammen und verliert alles. Zuvor ist zu erleben, wie er mit seiner muslimischen Erziehung hadert, das islamische Frauenbild kritisiert, sich kontrovers über 9/11 äußert. Ein Mann am Rande des Nervenzusammenbruchs. Amirs Abgründe vermag Krüger, tadelloser Anzug, akkurat gestutzter Schnauzbart, aufgepinselter Teint, dennoch nur bedingt darzustellen. Die meiste Zeit über dreht er steif mit durchgedrücktem Kreuz seine Runden, wirkt wie ein Fremdkörper in einem Drama, dessen Epizentrum er laut Textbuch sein sollte. Die anderen Figuren irrlichtern zwangsläufig hilflos um diese Leerstelle.

Amirs Ehefrau Emily ist Künstlerin und beschäftigt sich mit islamischer Kunst und Spiritualität. Katharina Lorenz gibt die Protestantin mit hedonistischer Lässigkeit und zeigt dabei viel Haut. Ihr Auftreten als gleichsam erotische Zielscheibe, als eine Art weibliche Trophäe gerät jedoch eher vordergründig. Erst gegen Ende des Stücks, als es zwischen Amir und Emily zu Handgreiflichkeiten kommt, dringt mehr von Lorenz’ schauspielerischen Möglichkeiten durch.

Es mangelt der 90-minütigen Aufführung an Rhythmus und Dynamik. Der Abend nimmt erst Fahrt auf, als Nicholas Ofczarek die Bühne betritt. Mit dandyhafter Weißhaar-Frisur und forciert modischem Hemd ist er der jüdische Kunstkurator Isaac. Ein abschätziger Blick, eine begehrliche Geste reichen vollauf, und man ist über seine Absichten im Bild: Isaac will Emily verführen, von ihrer Malerei hält er nicht viel. Ofczarek entwirft wie gewohnt eine prägnante Figur, den Ostküsten-Intellektuellen nimmt man ihm dann aber doch nicht ganz ab.

Am ehesten ruht noch Isabelle Redfern in ihrer Rolle. Die amerikanisch-deutsche Schauspielerin ist erstmals am Burgtheater zu sehen. Sie spielt die afroamerikanische Anwältin Jory, Amirs Kollegin und Freundin, die an seiner Stelle im Büro befördert wird, unaufgeregt und souverän.

Bei der österreichischen Erstaufführung von "Geächtet" setzt Regisseurin Tina Lanik allzu eisern auf klassisches Konversationsdrama und naturalistische Spielweise. Das Drama, das sich entwickeln sollte, wirkt auf der weitläufigen Bühne des Burgtheaters immer wieder verloren, selten stellt sich so etwas wie Spannung ein. Die Fragen, die das Stück stellt, treten dabei in den Hintergrund. Es bleibt viel Schwarz und viel Weiß.