Ganz unten: Vera von Gunten
Ganz unten: Vera von Gunten

Treffpunkt Schauspielhaus. Neben dem Eingang befindet sich ein zweites Entree aus Wellblech. Die Tür ist verschlossen. Klingeln. Einzeln, im 15-Minuten-Takt, betreten die Theaterbesucher die Installation "Jinxxx" von Thomas Bo Nilsson. Zwei dürftig bekleidete Frauen umgarnen einen: "Setz dich." Schon sitzt man mit einem schalen Piccolo auf einem abgewetzten Sofa. Freundlich wird man genötigt, sich ein Video anzusehen über die fingierte Geschichte dieses fragwürdigen Etablissements.

Apokalyptische Grausamkeit

Angeblich blickt das "Haus Aschenbacher" auf eine jahrhundertelange ruhmreiche Tradition zurück. Gegenwärtig dürften die Geschäfte nicht so gut laufen, das Ambiente wirkt etwas schmuddelig und schwülstig. Den abgetakelten Eindruck erwecken die Ausstatter Nilsson und Julian Wolf Eicke mit äußerster Sorgfalt: viel kitschiger Nippes, rissige Tapeten, befleckte Matratzen, gebrauchte Heroinspritzen. Es riecht stark nach billigem Raumspray, die Beleuchtung ist schummerig.

"Jinxxx" (deutsch: vom Pech verfolgt) ist Mitmachtheater, es geht darum, in artifizielle Erfahrungsräume einzutauchen. Acht Performer eskortieren die Besucher zu den Stationen, man kann sich aber auch frei (von 18 bis 24 Uhr) in der Installation bewegen und jederzeit wieder gehen. "Ein Zimmer ist für dich vorbereitet." Man gelangt in eine Art Pornokabine, in Endlosschleife werden darin verstörende Kunstfilme gezeigt. Verschnaufpause an der Bar. Hier erwarten einen zwei Akteure, nur bekleidet mit Cowboyhut, Slip und Cowboystiefeln. Im lässigen Smalltalk wird einem eine Nacht in der "Hochzeitssuite" mit diversen "Begleitprogrammen" angeboten - "es liegt an dir". Während man noch in der "Speisekarte" das Angebot sondiert, wird einem schon das "Familienalbum" vorgelegt. Seitenweise sind darin Mütter, Paare, Kinder und Todesopfer abgebildet. Es ist ein Album von apokalyptischer Grausamkeit. Es scheint, als wäre das "Haus Aschenbacher" Tatort zahlreicher bestialischer Lust- und Selbstmorde gewesen. Ein beispielloser Ort der Verrohung und Gewalt.

"Mutti will dich kennenlernen." Also kriecht man durch einen Geheimgang in ihre Waldhütte. Behäbig sitzt Jens Lassak als stark geschminkte "Mutti" im Stuhl, röchelt und atmet schwer. Neben ihr entfaltet sich zwischen zwei Performerinnen ein Verzweiflungsspiel rund um Liebe und Todessehnsucht, in das die Besucher sachte eingebunden werden.

In der vergangenen Spielzeit zeigte der schwedische Konzeptkünstler Nilsson am Schauspielhaus "Cellar Door", ein grandioses Theater-Inferno rund um Online-Gamer und Dark-Net-User. "Jinxxx" ist bedauerlicherweise wesentlich kleiner dimensioniert, beinahe kammerspielartig. Daher vermag "Jinxxx" nur lose Skizzen rund um die Faszination am Bösen zu entwerfen, während die "tausend dunklen Gründe", von denen Baudelaire etwa in seinen "Blumen des Bösen" sprach, unerforscht bleiben.