Redlich mühen sie sich, die fünf Diener: Am Ende des zweiten Akts haben sie einen Wäschekorb aus dem Fenster in die Themse zu wuchten, und man weiß: In diesem Behältnis steckt ein feister Schwerenöter. Keine leichte Fracht also, schon gar nicht in Gestalt von Ambrogio Maestri, dem mustergültigen Falstaff unserer Tage in Klang und Bild. Doch trotz all der Erdenschwere: Am Ende des Abends an der Wiener Staatsoper wird er wie von selbst in den Himmel steigen. Die Regie lässt den Möchtegern-Schürzenjäger an Seilen ins Mondlicht gleiten.

Ein hübscher Einfall, zweifellos: Nach all der Häme, nach all dem Spott, den Sir John in Windsor für seine Avancen kassiert hat, darf er doch noch glänzen. Und das zu Recht: Hat nicht er den englischen Spießern ein wenig Abwechslung in den wohlsortierten Alltag gebracht?

Die Nacht der Lillifeen

Es wäre freilich auch schön gewesen, hätte die Regie diese Frage von Anfang an in ein Konzept umgemünzt, hätte sie hervorgekehrt, mit welcher Risikofreude sich die Damen Meg und Alice (freilich nur zum Schein) auf ein Stelldichein mit Sir John einlassen. Allein: Die Staatsoper war leider nicht an Wagemut interessiert – geschweige denn an einer riskanten Produktion. David McVicar hat stattdessen eine Premiere vorgelegt, die nach Wiederaufnahme aussieht: Die Kostümfülle von der Kniebundhose über den Umhang bis zum Dreispitz (Gabrielle Dalton), die Kulissen (Charles Edwards) mit ihrer ästhetischen Nähe zum Hofmobiliendepot erwecken den Eindruck, als hätte Otto Schenks "Rosenkavalier"-Regie von 1968 einen späten Bruder im Geiste bekommen.

Nun müssen altmodische Bilder nicht automatisch Längen erzeugen, und bis zur Pause schnurrt diese Produktion (abgesehen von den Umbaupausen) munter dahin. Eine Laute ist eine Laute, ein Paravent ein Paravent: Dieser Porzellanladen der Zierlichkeiten hat seinen Witz, wenn ihn Ambrogio Maestri auf Riesenfreiersfüßen betritt und seine Stimme, ohne ins Schmierenfach abzugleiten oder von den vokalen Erfordernissen seiner Partie, zwischen Süßholzraspeln und bärigen Mannestönen oszillieren lässt.

Im Schlussakt erwächst dem Abend dann aber ein wirkliches Problem – und das heißt Glaubwürdigkeit: Wenn die entrüsteten Bürger den Ritter in Angst und Schrecken zu versetzen gedenken und ihn dafür im nächtlichen Park mit Karnevalskostümen, bauchigen Laternen sowie einer Kindergruppe heimsuchen, die mit ihren glänzenden Flügeln wie eine Delegation der Prinzessin Lillifee aussieht, fühlt man sich regieseitig doch mit einer Überdosis Zucker bedacht.

Sei’s drum. Dirigent Zubin Mehta hat sich einen "Falstaff" nah an der Shakespeare-Zeit gewünscht, und der betagte Pultstar bedankt sich für die (weitgehende) Umsetzung mit einer Glanzleistung:

Gemeinsam mit einem sehr gut disponierten Staatsopernorchester setzt er auf Tempo, Sängerfreundlichkeit, Geschmeidigkeit und Detailfreude. Wo Verdis Alterswerk zur Klangmalerei neigt, zum augenzwinkernden Kommentar (etwa auf die luftig entfleuchende "Ehre"), da lässt der 80-jährige Mehta das Orchester punktgenaue Pointen setzen. Auch die fast chaotischen Tableaus, in denen Verdi das Bürgergeschnatter inszeniert, werden mit Bravour gemeistert; von kleinen Misshelligkeiten gegen Ende abgesehen, greifen die Rädchen eines vokalen Uhrwerks präzise ineinander.

Durchwachsenes Ensemble

Für sich genommen, überzeugt allerdings nicht jeder: So sehr Hila Fahima als Fräuleinwunder einnimmt, ist ihre Stimme doch noch zu leichtgewichtig für die Partie der Nannetta (am großen Haus). Thomas Ebenstein trägt die Klage des Dr. Cajus anfangs mit zu viel gellendem Grant vor; Carmen Giannattasio (Alice) gelingt es, hohe Melodielinien wie Silberfäden glänzen zu lassen, hat in tieferer Lage aber nicht dieselbe Genauigkeit. Passabel vermittelt Ludovic Tézier den Groll eines hörnungsbedrohten Gatten, Paolo Fanale lässt den verliebten Fenton mit zunehmend geschmeidiger Italianità schmachten, und Lilly Jorstad stellt eine vitale Meg Page vor.

Sonderapplaus an dieser Stelle für Marie-Nicole Lemieux als so quirlige wie kernige Mrs. Quickly – wohl der größte Aktivposten des Abends neben Maestri und Mehta. Applaus setzte es zuletzt dennoch für alle, sogar Jubelrufe in Richtung Regie. "Alles ist Spaß auf Erden": Das fiel am Sonntagabend womöglich auf umso fruchtbareren Boden, als seit wenigen Stunden der Name des österreichischen Bundespräsidenten Gewissheit war. n