"Kein Stücke-Zertrümmerer": Thomas Enzinger. - © Stephan Huger
"Kein Stücke-Zertrümmerer": Thomas Enzinger. - © Stephan Huger

Wien. Gretchenfrage an den Regisseur: Wie hält er es mit dem Textbuch? Thomas Enzinger wägt ab. "Ein Stücke-Zertrümmerer bin ich nicht." Andererseits: Er hat schon einiges umzuarbeiten in seinem Job. Enzinger, 1963 in Wien geboren, ist Spezialist für unterhaltendes Musiktheater, und viele Operetten schreien allein wegen ihrer ursprünglichen Länge nach einem Update. "Das waren oft Fünf-Stunden-Abende, die Texte ausufernd: Streichen ist da eine Notwendigkeit." Außerdem gelte es, die Stücke gegenwartskompatibel zu machen. Vom Kern einer Geschichte brauche man darum nicht abzuweichen. Beispiel: "In der ‚Mariza‘ soll eine Tante auf ärztlichen Rat die Nerven schonen und darf keine Gefühle zeigen. In meiner Fassung ist ihr Gesicht deshalb so steif, weil sie es sich zu Tode operieren hat lassen. Das ist uns viel näher."

Einer, der Operetten zu bitteren Sozialdramen ummodelt, ist Enzinger nicht: "Dafür sind diese Stücke nicht gemacht. Was hätte man davon? Man vertreibt die Leute." Wobei: "Ich arbeite für das Publikum, will mich aber nicht anbiedern. Am Schluss möchte ich in den Spiegel schauen können."

Auf der Bühne will Enzinger Figuren sehen, die "menschlich gezeichnet" sind. Wie heißt das für seine Premiere am kommenden Freitag? Sie ist bereits Enzingers dritter Streich an der Volksoper (nach "Wiener Blut" und "Gräfin Mariza") und gilt Emmerich Kálmáns "Zirkusprinzessin".

Ein Prinz hat Spaß: Kurt Schreibmayer in der neuen Produktion, Premiere ist am Freitag. - © Pálffy/Volksoper
Ein Prinz hat Spaß: Kurt Schreibmayer in der neuen Produktion, Premiere ist am Freitag. - © Pálffy/Volksoper

Die Liebesabenteuer des ominösen "Mister X" sollen dabei neue Spannung erhalten, indem der Antagonist eine Aufwertung erfährt: ein russischer Prinz namens Sergius Wladimir, "im Original eine ziemlich verblödelte Rolle". Dieser Sergius avanciert nun zum Intrigenschmied von stattlichem Format (Kurt Schreibmayer). "Die Geschichte wird deutlich spannender, wenn eine Gefahr und eine Erotik von diesem Prinzen ausgehen. Man weiß ja, dass mächtige Menschen oft auch gefährlich sind."

Einen Wladimir Putin wird man freilich nicht auf Enzingers Bühne sehen: Der Abend beginne herkömmlich in Sankt Petersburg rund um 1912 und werde, nach einer "Überraschung" im Mittelakt, unter den Spezialistenhänden von Dirigent Alfred Eschwé mit einem Finale in Wien enden.

"Werde mich nicht ausziehen"


Pantscherl, Pointen, Traumprinzen und Tanz-Trara: Werden Enzinger, auch in Deutschland als Dienstleister im Musikkomödienfach tätig, diese Themen nicht irgendwann fad? "Wenn man in diesen Stücken nichts sehen könnte bis auf Operettenheiterkeit, würden sie mir irgendwann auf die Nerven gehen. Aber ich versuche, andere Perspektiven zu entwickeln und dabei die Balance zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit zu halten - dann ist diese Arbeit wahnsinnig spannend. Aus dem Genre stammen einige der meistgespielten Stücke, und das hat seinen Grund."

Ab nächstem Jahr wird Enzinger übrigens auch als Intendant eine Lanze für das Fach brechen: beim Lehár-Festival in Bad Ischl. Der Spielplan für 2017 stammt noch von Michael Lakner, der Nachfolger möchte das Programm dann ein wenig erweitern. Auch in puncto Repertoire sei das denkbar: Nach einer Phase der Vertrauensbildung könnte sich Enzinger vorstellen, neben Operetten und klassischen Musicals auch einmal Andrew Lloyd Webbers "Jesus Christ Superstar" anzusetzen.

Und wie denkt er über die Festivalfinanzen? Immerhin hat sich Lakner 2014 bis auf die Unterhose ausgezogen, um auf eine Geldnot hinzuweisen. Die nackte Existenz des Festivals hält sein Nachfolger nicht für bedroht; gleichwohl will er wie sein Vorgänger energisch um Sponsoren, Subventionen und einen guten Kartenverkauf kämpfen. Wobei: "Ausziehen werde ich mich nicht, ich bin nicht so durchtrainiert wie Michael Lakner."