Mit ihrem "Kini" Ludwig II. haben die Bayern längst Frieden geschlossen. Während seiner Regentschaft, 1864 bis zum Selbstmord oder Mord 1886 am Starnbergersee, kosteten seine Märchenschlösser das Volk zu viel
Steuergeld und sein labiler Schwärmgeist die Verwandten und Minister zu viel Nervenkraft. Doch neben dem Oktoberfest ist sein gebautes Erbe heute Bayerns Tourismusmagnet. In jeder Debatte über das romantische "Gesamtkunstwerk" sind Richard Wagner (der das Wort populär machte) und sein Förderer Ludwig fix dabei – der Tonsetzer, der dichtete, inszenierte, in Bayreuth den Bühnentempel baute, und der Schöpfer von Neuschwanstein, Herrenchiemsee, Linderhof, der sich in Selbstinszenierungen über die Grenzen von Sitte und Hofzeremoniell wagte. Ein nachfühlbarer Befreiungsakt! Denn das Königs-Getue war in München hohles Parvenü-Ritual, hatte doch Bayern erst von Napoleon die Krone bekommen. Als Lohn für den Verrat am Reich.

Nach Helmut Käutner zuckersüßem Film mit O. W. Fischer und Ruth Leuwerik 1955 erträumte sich Luchino Visconti 1972 ein Hochamt der Décadence von vier Stunden Länge. Die Financiers kürzten es auf drei, deutsche Zensoren der Homoszene wegen auf zwei, doch immerhin ist ein Directors Cut auf DVD (italienisch) am Markt. Darin warnt die wunderschöne Romy Schneider als "Kaiserin" Sissi den königlichen Exzentriker Helmut Berger: "Von heute an gehört dein Bild nicht mehr dir selbst. Es gehört der Welt." Am Nervenkunstbild, das Conte Visconti von Ludwig der Welt hinterließ, kommt kein Verehrer und kein Spießer vorbei.

Bastian Kraft inszenierte als Assistent  im Burg-Vestibül Oscar Wildes "Dorian Gray" und in Salzburg einen "Jedermann" mit einem Darsteller. Sein Remake im Akademietheater nennt er "Ludwig II. nach dem Film von Luchino Visconti". Im Bildungsmodus erzählt das multimediale Gesamtkunstwerk wenig mehr als eine History-TV-Semidoku. Bast schnitt die berauschendsten Szenen aus dem Original. Doch im Fleckerlteppich-Konzentrat wirken Sätze über Wahrheit, Verantwortung, Staatskunst wie in Stein gemeißelt statt in einem Psychopasticcio gepinselt.

Auf einer bühnenbreiten Spiegelschräge sieht sich Ludwig immer als sein Gegenüber. Hochgestellt zeigt sie ein Abbild des Zuschauerraums. Die Egomanie, die Verlorenheit in der eigenen Phantasie und Macht, kommt noch unfassbarer ins Bild: Auf Netzschleiern werden die Köpfe der Hofleute projiziert: Mutter, Bruder, Cousine Sophie, Minister, Geheimpolizei, Hofkaplan, Mime Josef Kainz, Arzt von Gudden, der ihn geisteskrank schreibt und mit ihm stirbt – sie alle reden auf ihn ein. Höhepunkt der Schaulust: orgiastisch zu knallhartem Techno sich windende Männerleiber. Königschlossdienersex.

Ludwigs immer peinlicherer Egotrip über mehrere Jahrzehnte endet konsequent in totaler Selbstentblößung. Nackt wie ein Ecce Homo klammert sich  Markus Meyer an eine König-Ludwig-Statue – ehe er loslässt und ertrinkt. Hier beweist das Wasser seinen Sinn. Der szenischen Kunst zweitliebste Weichspülung ist Schlamm. Ludwig beschmiert seinen und Sissis blütenweißen Schleppenmantel. Wie in der Persilwerbung als Test. Symbol für Sünde, Selbstdemontage, Infantilismus? Ein Künstler-König will Ludwig sein, erzählt Bastian Kraft mythosgetreu, welcher Bayern mit Weisheit regiert und Genies von überallher anlockt. Als Narr verschwindet er in der Versenkung.

Regina Fritsch macht Sissi ohne Jugendlichkeit lebendig. Verhört sie Ludwig, ob er schon eine Frau geliebt habe, antwortet dieser: "Ich bin katholisch". Johann Adam Oest als Richard Wagner erwartet man sich genialisch-dämonischer, er bleibt aber mit beamtenhaftem Starrsinn näher an den Fakten. Markus Meyer wurde als Titelheld am Ende "seines" pausenlosen Zweistunden-Abends mit Jubel überschüttet. Lohn für Verstellungskunst im Übermaß! Er gibt den irrlichternden "Mondkönig" in porträtgenauer Maske und zudem in den Videozuspielungen alle Bezugsfiguren in Hof und Staat. Auch seine Maskenbildnerin Dana Suljic bitte vor den Vorhang!