Ein krachender Schuss. Dann minutenlang Stille. Sieben Schauspieler klettern nacheinander durch eine Luke aus der Unterbühne auf die Bühne des Volkstheaters. Männer und Frauen, alle tragen dasselbe Kostüm: hüftlange Schwarzhaarperücken, Netzstrümpfe, High Heels, schwarze Mieder. Die groteske Aufmachung erklärt sich auf Umwegen. Auf den Bühnenhintergrund wird raumfüllend ein Video von Superstar Beyoncé projiziert: "Single Ladies (Put a Ring on It)". Das Ensemble im Volkstheater ist ident gewandet wie die Sängerin im Schwarz-Weiß-Clip - und ahmt die lasziv bis maschinengleiche Choreografie nach. Freilich und wohl absichtsvoll wirkt das Hüftenwackeln und Armeschlenkern eher lachhaft.

Und weiter geht es, tief in die Pophistorie. Auf Beyoncés Vogue-Tanztheater folgt die Imitation vom 80er-Jahre-Breakdance-Ableger "Nasty" - auf der Leinwand Janet Jackson mit wehender Lockenperücke und hautenger Latexhose. Amateurhaft Referenz erwiesen werden auf der so gut wie leer geräumten Bühne noch Whitney Houston ("I’m Your Baby Tonight"), Grace Jones, Tina Turner und Donna Summer.

MTV-Reenactment

Pop trifft Theater. Das muss, wie die Volkstheater-Inszenierung beweist, nicht zwangsläufig funktionieren. Milo Lolić Adaption von Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)" wirkt über weite Strecken wie ein MTV-Reenactment, wie eine launige Musik-Revue mit Hits afroamerikanischer R&B-Größen. So etwas wie ein Höhepunkt der knapp zweistündigen musikalischen Zeitreise ist die Darbietung von Nina Simones "Ain’t Got No, I Got Life".

Das Unternehmen geht jedenfalls als exquisites Ausstattungsspektakel durch. Kostümbildnerin Jelena Miletić spart nicht an Perücken und Federboas, es setzt reichlich Glitzer, Glamour, Bling-Bling. Die schweißtreibende Tanzstunde verlangt dem siebenköpfigen Ensemble viel ab; Dauertanz (Choreografie: Jasmin Avissar) ist aber offensichtlich nicht jedermanns Fall.

Weshalb Regisseur Lolić zu diesem eigenwilligen szenischen Mittel greift und wie R&B-Primadonnen mit Jelineks Text zusammengehen, bleibt das Rätsel des Abends. Aus der Inszenierung erschließt sich kein Zusammenhang, Musik und Text stehen einander fremd gegenüber, Jelineks Sprache erscheint zunehmend als Fremdkörper der Inszenierung: Bis auf Ausnahmen werden die Textpassagen mit gepresster Künstlichkeit und reichlich Bühnenpathos frontal ins Publikum geschmettert.

Dabei handelt es sich bei "Rechnitz (Der Würgeengel)" um ein erschütterndes Bühnenspiel, das bereits Teil der österreichischen Theaterhistorie ist. Jelinek verhandelt darin ein Massaker, das sich in den letzten Kriegstagen im burgenländischen Rechnitz ereignete: In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 veranstaltete Margit Gräfin Batthyány auf ihrem Schloss ein sogenanntes Gefolgschaftsfest, eine Orgie, zu der auch lokale SS-Größen geladen waren. Gegen 23 Uhr verteilte Ortsgruppenführer Franz Podezin Waffen - und forderte die Partygäste zum Massenmord auf: 180 jüdische ungarische Zwangsarbeiter fielen dem Blutbad zum Opfer. Anschließend wurde weitergefeiert. Zwei Tage später marschierte die Rote Armee im Burgenland ein; Schloss Rechnitz ging in Flammen auf, die Rädelsführer setzten sich in die Schweiz ab. Nach Kriegsende kam es aus Mangel an Beweisen zu keinen Prozessen, die Tat blieb ungesühnt, die Gräber der Ermordeten wurden bis heute nicht gefunden.

"Rechnitz (Der Würgeengel)" thematisiert Untat und Umgang mit der NS-Vergangenheit. Mit ihren assoziativen Satzkaskaden enthüllt die Literaturnobelpreisträgerin im Stück das geschwätzige Schweigen und pseudoreflektierte Darüber-hinweg-Reden, das letztlich dazu dient, sich die Gräuel vom Leibe zu halten.

2008 wurde das mit dem Mülheimer Dramatiker-Preis ausgezeichnete Stück von Jossi Wieler an den Münchner Kammerspielen mit lange nachhallender Intensität uraufgeführt. Dann untersagte Jelinek weitere Aufführungen in Österreich; 2012 kam es unter Intendantin Anna Badora zu einer viel beachteten Inszenierung am Grazer Schauspielhaus. Badora wechselte bekanntlich nach Wien, wo "Rechnitz (Der Würgeengel)" am Volkstheater nun zum erstem Mal - nach dem Festwochen-Gastspiel der Wieler-Inszenierung - zu sehen ist. Die Möglichkeit wurde vertan, die Neuinszenierung scheitert mit Karacho.