Im Jänner macht der Münchner Kabarettist Markus Stoll alias Harry G mit seinem neuen Programm "#HarrydieEhre" einen Abstecher nach Österreich – und kehrt dabei auch zurück an jenen Ort, an dem er mehrere Jahre verbracht hat: In Innsbruck hat er nicht nur Betriebswirtschaftslehre studiert, sondern auch seine Begeisterung fürs Skifahren ausgelebt. Die "Wiener Zeitung" hat den gebürtigen Oberpfälzer im Vorfeld zum Interview getroffen.

"Wiener Zeitung": Wenn man sich Ihre jüngsten Videos anschaut, könnte man meinen, Sie haben sich schon auf Wien eingestellt, wo ja das Granteln angeblich erfunden wurde. Oder ist der Bayer an sich auch ein Grantler?

Harry G: Ich glaube, da haben die Wiener und die Bayern reicht viel gemeinsam. Wir sind beide sehr lebensbejahende, aber auch lebenshinterfragende Menschen. Und da wird dann halt gegrantelt. Ich glaube, der Wiener beschwert sich schon auch sehr gern. Das ist ja das, was ich als Boazn-Kultur bezeichne, was hier wahrscheinlich Beisl-Kultur heißt, man sitzt drin und lässt das Leben an sich vorbeiziehen . . . grantelnd. Das Schöne dabei ist: Wenn jemand grantelt, geht’s ihm eigentlich eh ganz gut.

Das heißt, Harry G geht es auch gut, wenn er grantelt?

Ja mir geht’s gut, wenn ich grantele. Ich habe den Vorteil, dass ich mir das vom Leib granteln kann, was andere in sich hineinfressen. Wenn ich über z.B. über Kinder granteln will, dann kann ich das auf der Bühne tun.

Steht womöglich das G in Harry G steht für Grantler?

Ja, mittlerweile. Ursprünglich war es die Abkürzung für einen Nachnamen.

Und der Harry davor?

Das ist ein Bekannter von meinem Vater.

Der hat auch manchmal gegrantelt?

Genau. Und den habe ich eben so abgekürzt.

So richtig bekannt geworden sind Sie ja 2013 mit Ihrem Bierzeltvideo auf der Wiesn – das erste Bierzelt, das darin vorkommt, hat schon dicht gemacht. Muss das Video jetzt neu gedreht werden?

Das Marstall, also das ehemalige Hippodrom, meinen Sie? Nein, das ist ja das Schöne. Das Werk Harry G ist zeitlos aus einem ganz einfachen Grund: Egal, was geändert wird, es bleibt alles gleich auf der Wiesn, ob das Zelt jetzt anders heißt, ist völlig wurscht. Es geht genauso zu da drinnen, es ist genau die gleiche Stimmung, es ist alles gleich. Man müsste im Video eigentlich nur den einen Zeltnamen ersetzen durch einen neuen, und es ist wieder das Gleiche.

Apropos Video: "Boazn-Kini" ist ja auch voll eingeschlagen in die eine und die andere Richtung.

Was ist die andere Richtung?

Naja, die einen lieben es und die anderen verstehen es nicht so richtig.

Ha Ha. Es ist halt für jeden etwas dabei. Ich betrachte es so: Wenn man Comedy macht, versteht es jeder. Wenn aber die einen es verstehen und die anderen nicht, und es entsteht eine Diskussion – dann hat man Kunst gemacht.

1860 ist ja mit dem Boazn-Video abgehakt. Wann kommt das Rasenball-Leipzig-Video? Das wäre ja eigentlich längst überfällig.

Ja, das sollte eigentlich kommen, aber dazu müsste ich mich als Rechtsradikaler verkleiden (lacht). Aber nur um das klarzustellen: Ich mag 1860 München, das haben die Leute teilweise falsch verstanden. Das Video hat eigentlich überhaupt nichts mit dem Fußballverein zu tun, da geht es einfach um einen Typen, der ein Münchner Urgestein ist.

Der Fußball wurde also hineininterpretiert?

Die "Abendzeitung München" hat geschrieben: "Harry G veräppelt 1860-Fans." Da hab ich mir gedacht: Das gibt’s doch nicht, die könnten mich doch wenigstens fragen, ob das überhaupt meine Intention war. Die können das doch nicht einfach so schreiben. Wenn sie es nicht verstanden haben, sollen sie lieber schön still sein.

Sie sind also auch gar kein Fan des FC Bayern München?

Ich bin fußballneutral. Das ist so etwas wie geschlechtsneutral, nur mit viel weniger persönlichen Auswirkungen. (lacht).

Der Fall Uli Hoeneß hat Sie aber doch auch beschäftigt, zumindest als Satiriker.

Klar, der Hoeneß ist schon jemand, über den man das eine oder andere Wort verlieren kann als Comedian. Besonders, wen man aus Bayern ist. Generell muss man sagen, dass ich nicht verstehe warum viele Menschen so tun, als wäre ihm ein großes Unrecht geschehen. Der wurde ja nicht entführt und misshandelt oder so, der hat einen Batzen Steuern hinterzogen und sich damit strafbar gemacht. Und jetzt hat er seine Strafe dafür abgesessen und gut ist. Punkt! Dem Verein tut er gut, keine Frage. Er wurde ja jetzt mit 97,7 Prozent der Stimmen wieder zum Vereinspräsidenten gewählt, das sagt eigentlich alles.


Um nochmals auf das Boazn-Video zu sprechen zu kommen: Lässt sich das Thema Gewalt unter Fußballfans auch hineininterpretieren? Es kommt ja immer wieder auch zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen 1860er- und FC-Bayern-Fans, man denke nur an vergangenen Sommer, als eine Rotte 1860er-Ultras mit Baseballschlägern ein Lokal belagert hat, in dem FC-Bayern-Fans gesessen sind.

Nein, das wollte ich damit nicht ausdrücken, ich habe eigentlich nur den Boazn-Alltag überzeichnet. In meinem Video geht es in erster Linie um Giesing, einen Stadtteil von München, der sich gegen die Gentrifizierung und das Hipstertum auflehnt. Der Baozn-Kini und seine Spezln wollen in ihrer Boazn damit nix zu tun haben, und das machen sie Eindringlingen auf ihre ganz eigene Art und Weise klar, unmissverständlich, wenn ihr wisst was ich meine. Das war eigentlich die Aussage dahinter. In München passieren überall diese Luxussanierungen und wenn man nicht aufpasst sehen alle Viertel irgendwann gleich aus. Ein Trauerspiel. Nur noch Legebatterien aus Beton, grau und öde.

Der neue Plattenbau sozusagen.

Ja genau. Der Luxusplattenbau quasi. Wobei Luxus und Plattenbau sich irgendwo auf mittlerem Durchschnitt treffen, nach dem Motto: Plus und Minus ergibt irgendwie wieder Null. Das ist einfach hässlich. Und mir geht es eben auch um das Lebensgefühl in einem ehrlichen Viertel, das Stück für Stück verloren geht.

Womit wir wieder beim Oktoberfest wären.

So ungefähr. Aber das ist aufgegeben, diese Bastion ist verloren. Wobei, es ist ja auch dazu da, dass Touristen kommen. Das Oktoberfest ist ja mittlerweile eine große Touristenattraktion.

Gehen sie selber eigentlich noch hin?

Natürlich, ich liebe es! Ich war heuer wieder 16 Mal dort. Aber nicht nur privat, ich muss auch geschäftlich oft raus. Perfekt ist: Ich gehe beruflich hin und bleibe dann privat noch sitzen (lacht). Ein fatales Unterfangen.

2013 war es noch das Hackerzelt. Jetzt ist es wahrscheinlich das Weinzelt, oder?

Ich habe ja gegen kein Zelt persönlich etwas. Und in Wahrheit ist das nicht einmal Comedy, was ich da im Wiesn-Video gemacht habe: Ich habe einfach nur gesagt, wie es ist. Und was ohnehin jeder weiß. Und selbst wenn ich sage, dass ein Zelt echt scheiße ist, gehen die Leute ja trotzdem hinein. Das ist, als ob ich sage, dass der Urlaub teuer ist. Oder das Benzin. Das weiß ja jeder, und trotzdem tanken die Leute und verreisen. Und selbst die Zeltbetreiber, die sich nachher bei mir beschwert und gesagt haben, dass man das so nicht sagen kann, die wissen ja selber, dass es so ist.

Was werden jetzt die Wiener im neuen Programm für Wahrheiten serviert bekommen?

Ich glaube, das Interessante an der Welt heutzutage ist ja, dass sich das Leben in den Großstädten assimiliert. In Berlin lebt man im Grunde genommen fast wie in London oder New York. Und in München oder in Wien lebt man halt auch Teile davon. Wir haben sämtliche Trends, sämtliche Phänomene: soziale, kulturelle, kulinarische, und die tische ich halt ein bisschen auf – und der Wiener wird sagen: Das ist genau wie bei uns. Ich kenne die Themen.

Und wohin geht es inhaltlich?

Es ist eigentlich ein Streifzug durch den Alltag, von Facebook, Whatsapp und Smartphones über grüne Smoothies und vegane Ernährung bis hin zu Elektroautos. Und Weißbier.

Sie sind ja auch ein begeisterter Skifahrer und haben in Innsbruck studiert. Was sind denn so ihre Skigebiete?

Ich muss dazu sagen, dass ich als Dreijähriger mit dem Skifahren begonnen habe. Ich bin Skirennen gefahren und Anfang der Neunziger aufs Freeriden gekommen. Deshalb bin ich auch nach Innsbruck gegangen, weil das Skifahren mein Lebensmittelpunkt war, auch mit Sponsoren. Ich habe aber kein Lieblingsskigebiet – wenn, dann ist es die Gegend um den Spitzingsee bei München, weil ich dort Skifahren gelernt habe. Und das beste Skigebiet ist ja immer das, das man am besten kennt. Dieser ganze Skizirkus geht mir aber dermaßen auf die Nerven. Wobei es nicht die Tatsache ist, dass da Leute Ski fahren und den Tourismus fördern, weil das ist ja gut. Gut, ich weiß jetzt nicht, ob es ein Skistiefel-Verbot wie in Ischgl braucht – da hab ich ein Video gesehen, wo tatsächlich so eine Art Bürgerwehr jemanden gezwungen hat, die Skistiefel auszuziehen, das war schon krass.

In der Schweiz wird ja jetzt über VIP-Skilifte diskutiert, wo man zu einem höheren Preis schneller in die Gondel kommt.

Sowas macht doch keinen Spaß mehr, schon wieder eine Zweiklassengesellschaft. Skifahren ist kein Luxus, das ist ein Sport für jedermann! Das kann man so nicht machen. Und das wird sich auf lange Sicht auch nicht auszahlen, im Gegenteil. Für die Russen ist es momentan völlig verpönt, nach Europa zu reisen, die bleiben also eh schon aus. Dann gibt es noch die Polen und die Tschechen, die wesentlich weniger Geld haben. Und wer bleibt dann noch? Die Gastronomen und die Hoteliers und die Liftbetreiber sind schon oftsehr opportunistisch: Wenn’s grad passt, dann machen wir so richtig einen auf Schickeria-Tourismus, aber sie denken dabei nicht in den nächsten zehn Jahren, sondern bloß in den nächsten zwei Jahren – und das fällt ihnen dann halt irgendwann auf die Füße. Für mich ist Skifahren jedenfalls eine Leidenschaft, die ich auch jetzt als Jungvater immer noch viel zu extrem betreibe, trotz meines zu hohen Alters.

Sind Sie eher ein Tages-Skifahrer wie die von Ihnen in einem Video angesprochenen "Isarpreißn" oder eher ein Wochen-Skiurlauber wie der Norddeutsche, der dann vielleicht auch auf mehr Skitage kommt?

Das mag sein, dass der mehr Skitage hat, aber die Qualität der Skitage ist eine andere als bei mir (lacht). Ich kann in einer Stunde das fahren, was ein Norddeutscher "Preuß" in zwei Wochen schafft. Ich kann einen Slalomkurs fahren, eine Buckelpiste und noch im Back-Country unterwegs sein, das geht sich in zwei, drei Stunden aus, da ist der Norddeutsche ein Leben lang damit beschäftigt, dass er überhaupt die Progression schafft. Ich bin aber durch Innsbruck auch der komplette Stunden-Skifahrer geworden. Ich bin bis vor kurzem aus München für zwei, drei Stunden zum Spitzingsee gefahren. Mittlerweile bin ich aber tatsächlich ein Genussmensch geworden. Ich finde es jetzt echt total geil, zum Beispiel für drei Tage wohin zu fahren, nicht jeden Tag hin- und zurückfahren zu müssen, dann ist vielleicht auch noch Wellness dabei – ich glaube, ich werde allmählich alt (lacht). Ich mag also mittlerweile Skiurlaube, freilich keine zwei Wochen oder auch nur eine, da wüsste ich ja gar nicht, was ich eine Woche lang mache. Den Kunstschneestreifen bei der Skihütte anschauen vielleicht. Dazu fällt mir eine lustige Geschichte aus Saalbach ein: Da war damals wirklich genau ein Kunstschneestreifen, und so sind wir mit dem Auto – einem ganz normalen Pkw – die Forststraße zur Skihütte raufgefahren und haben dort bloß gesoffen. Wir haben also sozusagen den Skitag abgekürzt. Abgesehen davon: Die Skiindustrie muss sich endlich eingestehen, dass es vorbei ist. Wer kauft sich heutzutage noch eigene Ski für ein paar Tage im Jahr? Die werden doch fast nur noch ausgeliehen. Skischuhe detto.

Es gibt ja auch Ihre Videos zu zehn Läufer-Typen, zehn Studenten-Typen . . . Fallen Ihnen genug Klischees für zehn Österreicher-Typen ein?

Es fallen mir auf jeden Fall so viele Klischees ein, wie es Bundesländer gibt. Ein Vorarlberger ist ja was ganz anderes als ein Tiroler, und ein Tiroler ist was völlig anderes als ein Osttiroler – wohingegen alle Tiroler gemeinsam den Südtiroler nicht mögen. Und den Wiener sowieso. Und der Wiener selbst sagt wiederum von sich: "Ich bin kein Österreicher, ich bin Wiener." Das hat tatsächlich schon einmal ein Wiener zu mir gesagt. Da hab ich mir gedacht: Sauber, das ist eine gesunde Haltung.

Sind Sie selbst Deutscher oder Bayer?

Aufgrund der aktuellen politischen Situation würde kein Bayer sagen: Ich bin kein Deutscher, ich bin Bayer. Das würde man sich gerade nicht trauen. Aber gut. Die Ostdeutschen sagen von sich, sie sind Deutsche – und die machen dann wieder unser Image kaputt. Das ist auch blöd, da ist man dann doch wieder lieber Bayer als Deutscher.