Das sieht man auch nicht alle Tage: Rund 20 Jugendliche verlassen während der Aufführung den Zuschauerraum der Wiener Staatsoper. "Der Zug wartet", flüstert einer von ihnen betreten. Schade, dass ihr Gruppenleiter schon zum Abmarsch geblasen hat: Keine zwei Minuten später fällt der Schlussvorhang über "Peter Grimes".

Die Staatsoper wird trotzdem für den Gruppenbesuch dankbar sein: "Grimes" ist ein Quoten-Sorgenkind am ansonsten gut besuchten Haus. Ein Jammer, denn mit seiner Außenseiteroper ist Benjamin Britten 1945 ein Geniestreich geglückt: Das Stück über einen schroffen Fischer, der laut Dorftratsch schuld am Tod zweier Knaben ist, kann packen wie ein Thriller - und erzählt (wohl nicht ganz zufällig nach dem Zweiten Weltkrieg) die bittere Geschichte vom Kampf des Individuums gegen eine Masse. Mögen Brittens Melodien dabei auch nicht auf dem Polster gewohnter Harmonieverläufe gebettet sein: Sie sind in sinnliche Klänge getränkt, die nach Meer und Seeluft schmecken - nicht zuletzt in den "Sea Interludes".

Die Naturschilderungen bleiben am Dienstagabend dann auch dem Orchester vorbehalten. Die Regie von Christine Mielitz, 1996 erstmals gezeigt und während der drei Vorjahre im Fundus verstaut, bebildert die Geschichte halbabstrakt und zeichnet vor allem das Sittenbild einer bigotten Dorfgemeinde: Menschen der Neigungsgruppe Bier, Tratsch und "Nichten" (Freudenmädchen), die trotz ihrer Laster meinen, wie ein Gottesgericht über den mürrischen Grimes urteilen zu können.

Mehr als ein Wermutstropfen beim Wiedersehen mit dieser Küstengemeinde: Die großen Ensembles klingen am Dienstag stark verschwommen. Da arbeitet etwa ein Bühnen-Trommler gegen die Pauke im Graben, lässt sich der 7/4-Takt des Rundgesangs allenfalls erahnen und läuft auch sonst einiges aus dem Ruder zwischen Chor und Orchester. Hat der Navigator des Abends, der Britten-routinierte Graeme Jenkins, nicht genug Probezeit erhalten? Grobkörnig im Klang, vermittelt das Orchester nur einen Bruchteil jener Emotion, die sich unter Idealbedingungen transportieren ließe.

Ein abgekämpfter Tragöde


Die Hauptrollen sind dafür exzellent besetzt. Sein raumgreifender Schalldruck weist Stephen Gould als Untergeher von tragischem Format aus. Dass sein Tenor mit der Zeit Zeichen einer gewissen Abgekämpftheit erkennen lässt, steht dazu nicht im Widerspruch. Brian Mulligan (Balstrode) ist diesem Solitär ein Freund, wie man ihn sich wünscht: Mit einer Stimme, wendig und frisch wie eine Brise, steht er dem Fischer zur Seite. Die Versuche der Lehrerin wiederum, den groben Klotz in den Ehehafen zu lenken, vermittelt Elza van den Heever mit Prägnanz in Klang und Geste. Hut ab: Sie sprengt das Korsett lehrerhafter Blässe, wenn sie am Abgrund der Verzweiflung intensiv erschaudert.

Gut ausgewählt sind auch des Fischermanns Feinde, darunter Wolfgang Bankl als bassmächtiger Advokat, Norbert Ernst als sternhagelvoller Prediger, Monika Bohinec als halbseidene "Auntie" und Donna Ellen als alte Giftspritze. Drei Folgetermine sind angesetzt, man wünscht ihnen mehr Chorpräzision und - Publikum.

Oper

Peter Grimes

Wiener Staatsoper (01/5131513)

Wh.: 16., 18. und 21. Dezember